Atlantikküste und „Heimat“, Kapitel 11 bis 21

Unternehmen Seelöwe (11. Kapitel, S. 155 ff.)

Das „Unternehmen Seelöwe“, also die deutsche Invasion in England, war ursprünglich für die Nächte rund um den September-Vollmond 1940 geplant. Bis dahin sollte die Royal Airforce durch die deutschen Luftangriffe so sehr geschädigt werden, dass sie England nicht mehr wirkungsvoll verteidigen konnte. Tatsächlich konzentrierte sich die Deutsche Luftwaffe zu Beginn vor allem auf die Stützpunkte der Royal Airforce. Doch nachdem die Deutschen am 24. August 1940 erste Bomben auf Londoner Vororte fallen ließen, verlagerte sich der Luftkampf auf die Städte. Die Engländer reagierten mit einem nächtlichen Luftangriff auf Berlin am 25. August 1940. Daraufhin eskalierte die Situation und Hitler gab den Befehl, vor allem britische Städte, insbesondere London anzugreifen.
Durch diese Verlagerung der Angriffe konnte sich die Infrastruktur der Royal Airforce erholen und Deutschland gelang es nicht mehr, die Lufthoheit über England zu erringen.
Am 16. September 1940, unmittelbar vor dem September-Vollmond am 17. September, sagte Hitler das Unternehmen Seelöwe ab und verschob es auf den nächsten Frühling. Um die Feinde zu täuschen, wurden die Invasions-Vorbereitungen jedoch beibehalten. Bis heute bleibt es umstritten, ob Hitler das Unternehmen Seelöwe jemals ernsthaft umsetzen wollte. Nach heutiger Kenntnis ist es wahrscheinlich, dass eine Invasion in England ein Selbstmordunternehmen gewesen wäre und die sofortige deutsche Niederlage bedeutet hätte, da die Deutschen nicht die nötige Ausrüstung besaßen, um eine Invasionsarmee nach England überzusetzen. Zu dieser Einschätzung dürfte auch Hitler gelangt sein.
Hengstkörung (16. Kapitel, S. 235)

Für alle, die sich mit Pferden nicht besonders auskennen, mag das Wort „gekört“ etwas verwundern. In der Pferdezucht ist es so, dass nicht alle Hengste als Deckhengste zugelassen sind. Wer einen Hengst für die Zucht einer bestimmten Rasse als Deckhengst „nutzen“ möchte, muss ihn auf einer Hengstkörung vorstellen. Allein für die Zulassung zur Körung muss die rassespezifische Abstammung mit den Papieren des Pferdes nachgewiesen werden. Die Körung selbst zieht sich über mehrere Jahre hin und beinhaltet verschiedene Prüfungen, beginnend bei der äußeren Beurteilung von Körperbau, Fellfarben und Gangarten bis hin zu späteren Leistungsprüfungen, in denen es darauf ankommt, das Können des Hengstes nachzuweisen. Auch seine Charaktereigenschaften sind Teil der Prüfungen. Alles in allem kommt es darauf an, die rassespezifischen Merkmale des Pferdes nachzuweisen, damit es zur Zucht verwendet werden darf.
Mit dem Vergleich zur Hengstkörung deutet Karl hier bereits an, dass er nicht den „Zuchtkriterien“ der Nazis entspricht.
Zigeunerpogrom (17. Kapitel, S. 247 ff.)

Der hier geschilderte Übergriff auf das „Zigeunerlager“ vor dem Dorf entstammt meiner Erfindung. Oder sagen wir: Derartige Pogrome gegen „Zigeuner“ hat es während des Nationalsozialismus in allen Teilen von Deutschland gegeben, aber es handelt sich keinesfalls um ein konkret überliefertes Pogrom aus dem Paderborner Land.
Lediglich die Ängste der Kinder und die Gerüchte über stehlende und kinderentführende „Zigeuner“ entsprechen den Gerüchten, die damals kursierten und die von den Erwachsenen eingesetzt wurden, um ihre Kinder von den Fremden fernzuhalten. Vermutlich haben die meisten Menschen tatsächlich daran geglaubt und beim Eintreffen der „Zigeuner“ im Ort mit entsprechenden „Vorsichtsmaßnahmen“ reagiert: Wäsche reinholen, Tiere in den Stall sperren, Kinder zuhause behalten.
Zivilarbeiter/Zwangsarbeiter (20. Kapitel, S. 278 ff.)

Nachdem die meisten deutschen Männer in den Krieg einberufen worden waren, war die deutsche Wirtschaft auf den Einsatz von Zwangsarbeitern angewiesen, um nicht zusammenzubrechen. Dabei wurden Zwangsarbeiter aus verschiedenen Personengruppen zumeist unfreiwillig oder scheinfreiwillig angeworben. KZ- und Ghetto-Insassen wurden hauptsächlich in größeren Betrieben oder staatlichen Bauprojekten, bei schwerster körperlicher Arbeit und unter ständiger Bewachung eingesetzt.
In der Landwirtschaft war es hingegen üblich, sogenannte „Zivilarbeiter“ zu beschäftigen. Diese stammten hauptsächlich aus zwei Personengruppen: Zum einen waren es Kriegsgefangene. Diese als Zwangsarbeiter einzusetzen widersprach zwar auch damals schon der Völkerrechtskonvention, dies wurde jedoch weitgehend missachtet. Insbesondere Polen, Russen und ein Teil der französischen Gefangenen wurden formal zu Zivilarbeitern erklärt, um sie zur Zwangsarbeit einsetzen zu dürfen.
Daneben gab es aber auch eine Reihe von „Zivilarbeitern“, die keine Kriegsgefangenen waren. Bei ihnen handelte es sich zumeist um Jugendliche, die nach der Niederlage ihres Landes durch die deutschen Besatzer unter falschen Versprechungen angeworben wurden. In Polen und Frankreich wurden jeweils über eine Million Zivilarbeiter rekrutiert, die dann nach Deutschland transportiert und dort zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Insbesondere die polnischen Dörfer mussten feste „Quoten“ erfüllen, indem sie ausreichend Zivilarbeiter bereitstellen. Auf diese Weise kamen auch sehr junge Jugendliche als Zwangsarbeiter nach Deutschland, nur um hier ihrer Menschenrechte beraubt und ausgenutzt zu werden.
Mit dem Einsatz der Zwangsarbeiter geriet das Naziregime jedoch in einen Zwiespalt: Einerseits konnten sie nicht auf die Zwangsarbeiter verzichten, andererseits fürchteten sie eine „rassische Durchmischung“ mit den deutschen Frauen, wenn der Kontakt zwischen Zivilarbeitern und Deutschen zu eng würde. Dies führte zum Erlass rigider Regeln, die im Umgang mit dem Zwangsarbeitern zu beachten waren. Dabei hing die Schärfe der Regeln und Strafen auch von der ethnischen Herkunft der Zwangsarbeiter ab: So forderten die „Ostarbeitererlasse“ für die „Rassenschande“ die Todesstrafe für russische bzw. polnische Zivilarbeiter.
Auch Franzosen wurden für den intimen Umgang mit deutschen Frauen hart bestraft, mussten aber eher mit Lagerhaft rechnen, wobei ihnen dann unmenschlichere Lebensbedingungen und schwerere Arbeit drohten.
Ob die Regeln der „Ostarbeitererlasse“ im täglichen Miteinander allerdings tatsächlich beachtet wurden, hing in der Landwirtschaft hauptsächlich von der Einstellung der Bauernfamilie ab. Hier gab es eine große Varianz zwischen menschlicher und unmenschlicher Behandlung.
None (21. Kapitel, S. 290)

„None“ ist ein alter, westfälischer Ausdruck für die Mittagspause, in der Regel verbunden mit einem Mittagsschlaf. Dabei bezieht sich das Wort „None“ auf die neunte Stunde nach Arbeitsbeginn. In der Regel wurde die Arbeit mit Sonnenaufgang begonnen, auch und gerade im Sommer während der Erntezeit. Wenn die Sonne also schon um 3 Uhr aufgeht, sind bis 12 Uhr Mittags neun Stunden vergangen. Die Mittagspause fand aber immer zur gleichen Zeit statt und wurde zu jeder Jahreszeit „None“ genannt, auch dann, wenn der Arbeitsbeginn im Winter weitaus weniger als neun Stunden zurücklag.