Der geheime Name – Leseprobe

Hier findet ihr den Anfang der Leseprobe von „Der geheime Name“. Wer die ganze Leseprobe lesen möchte, kann unter dem Text auf den Link klicken und in einem hübschen Livebook blättern ;-)

Prolog

In dichten Schwaden lauerte der Nebel über dem Moor. Seine feinen Tröpfchen waren auf das Wollgras niedergesunken, glitzerten auf den Torfmoosen und verwandelten die schmalen Stege zwischen den Torfstichen in glitschige Pfade. Fast so, als wollte der Nebel eine Falle stellen, verbarg er die dunklen Tümpel, tarnte die schwankenden Gräser unter seinem Schleier und ließ nur die Birken und Kiefern daraus hervorlugen, deren Wurzeln sich an den Rand der Wege klammerten. Fast erweckte es den Eindruck, als würde das Moor hinter den ersten Torfstichen enden. So eng standen die Bäume dort beisammen, als würde es in einen urigen, verwachsenen Wald übergehen. Doch auch zwischen diesen Bäumen krochen die Dunstschwaden so verräterisch über den Grund, als versuchten sie, das Plätschern zu verbergen, das wie ein Herzschlag durch die Torfadern gurgelte. Es entsprang in der Mitte des Moores, dort, wo der Grundlose See unter einem Nebelmeer schlummerte und seinen Wellenschlag in einem steten Rhythmus gegen das schwankende Ufer schlug.
Etwas Lebendiges schien das Moor zu sein, etwas, das atmete und die Zähne bleckte, während es hungrig auf Nahrung wartete.
Nicht umsonst hatten die Menschen sich jahrtausendelang vor den Mooren und ihrem Nebel gefürchtet. Unter den weißen Schleiern lauerten Gefahren, Geheimnisse, Dinge, die sich jeder Vernunft entzogen. Nicht umsonst waren die Moore die letzten Gebiete, welche die Menschen für sich erobert hatten – weil sie unberührbare Zonen waren, die den Tod verhießen, wenn man sich in ihnen verirrte.
Auch in diesem Moor verbarg sich ein Geheimnis, vielleicht das letzte, das sich noch vor den Blicken der Menschen verstecken konnte. Es war ein Männlein, gerade so groß wie ein achtjähriges Kind, das am Rande des Wanderweges unter den Birken wartete, genau dort, wo einer der glitschigen Pfade abzweigte, der in den undurchdringlichen Teil des Moores führte. Unruhig sprang es von einem Bein auf das andere, erfüllt von einer zähen Kraft, die nur schwer zu bändigen war. Viele Jahrtausende war es alt und doch hatte die Zeit nicht das winzigste Gebrechen an ihm hinterlassen. Unzählige Menschen hatte es gesehen, im Leben wie im Sterben, obwohl es seit eh und je nur in diesem Wald umherging, der das Moor umhüllte.
Dieses Männlein machte aus seinem Dasein ein so sorgfältig gehütetes Geheimnis, dass es seinen wahren Namen nicht einmal in Gedanken benutzte, aus Angst, es könnte ihn versehentlich aussprechen und einem Menschen verraten. Seinen Tod würde es bedeuten, gäbe es seinen Namen preis – so wie die meisten anderen seiner Art auf diese Weise den Tod gefunden hatten.
Mit weit aufgerissenen Augen blickte das Männlein über den Wanderweg, der durch das Moor führte. Wie weiße Bälle stachen seine Augäpfel hervor, viel größer, als die Augen eines Menschen und beinahe so, als wollten sie aus den Höhlen herausfallen – bis sich seine großen Lider darüber schlossen und sie zu schmalen Schlitzen verengten. Fast sah es aus, als könnte sein Blick so noch weiter in die Ferne dringen, während er vom Wanderweg abschweifte und über die weiße, neblige Ebene glitt, unter der sich der Grundlose See verbarg. Schließlich fand er den Punkt am anderen Ufer, an dem der Wanderweg das Moor verließ und ins Dorf führte.
„Nun soll sie kommen, das Menschenweibchen!“ Die Stimme des Geheimen knurrte, rauh geschliffen von den Selbstgesprächen, mit denen er sich Gesellschaft leistete. „Allein ist er nun schon so lange. So soll sie ihm endlich geben, was sie ihm versprach. Ihre Gegenleistung soll sie erbringen, die sie ihm für seinen Gefallen schuldet.“ Sein spitzer Bart wippte im Takt seiner Worte, zitterte in der Spannung, die ihn erfüllte. „Und wehe ihr, sie wagt es, ihn zu betrügen. Wehe, sie ist ein so hinterhältiges Menschenwesen, das versucht, ihm sein Eigentum zu verwehren.“ Seine Augenlider sprangen wieder auf und ließen seine Augäpfel hervorstechen, als er seine letzten Worte über den nebligen See hinweg rief: „So wird seine Rache ihr Leben in den Abgrund stürzen!“

(Aus „Der geheime Name“ von „Daniela Winterfeld“, Knaur TB, 4. Januar 2013)

 

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