Harpyienblut – Leseprobe

 

 

 

Auf dieser Seite könnt ihr schon einmal ein bisschen in Harpyienblut hineinlesen. Ich zitiere hier mal nur die ersten beiden Seiten. Die ganze Leseprobe (29 Seiten) findet ihr unten unter dem Link.

Viel Spaß beim Lesen!

 

Prolog

Von einer kleinen Wurzelhöhle aus drang der Aasgestank durch den Wald. Wie ein schwerer, undurchdringlicher Nebel kroch er über den Teppich aus Nadeln und Sand, stieg schließlich auf zwischen den Kiefernstämmen und brachte die Vögel in den Baumkronen zum Verstummen. Bis an die Wanderwege der Menschen wagte sich der Gestank heran und ließ sie davor zurückschrecken, auch nur einen Schritt in die Richtung zu machen, aus der er kam. So zog er einen weiten Kreis um das, was er in seiner Mitte verbarg.
Die Braut des Windes duckte sich tief in die Mulde unter dem Wurzeldach. Ihre hellen, strähnigen Locken flossen über ihren Rücken und fielen nach vorne, um die bleiche Haut ihrer Brüste zu bedecken. Ihre dünnen Arme versteckte sie in dem Gefieder, das den unteren Teil ihres Körpers umhüllte. Mit jedem Atemzug plusterte sie das weiche Flaumkleid weiter auf, um das Ei darunter zu wärmen.
Fast neun Monate saß sie nun schon hier, in denen ihr Kind gewachsen war. Sie spürte die Bewegung durch die Hülle des Eies, hörte das erste leise Quäken, das bereits herausdrang und nach ihr rief. Die Mutter schloss die Augen und presste die Lippen aufeinander, um sich daran zu hindern, das Kleine zu begrüßen. Seit sie begonnenhatte, ihr Ei zu wärmen, unterdrückte sie nun schon jeden Laut, um das Kind nicht auf ihre Stimme zu prägen.
Zu gern hätte sie es bei sich behalten, zu gern hätte sie es mitgenommen in ihren Schwarm. Nichts wünschte sie sich mehr als die Liebe, die das Kind ihr geben würde, ihre erste und einzige Liebe in einem jahrtausendelangen Leben. Aber das Kleine war ein Mischblut, nur zur Hälfte von ihrer Art. Die Braut des Windes hatte Dinge getan, zu denen sie nicht berechtigt war. Sie hatte einem Mann das Leben geschenkt, damit er mit ihr schlief. So sehr hatte sie sich gewünscht, geliebt zu werden, dass sie seine Abscheu kaum bemerkt hatte.
Doch wenn sie jetzt einatmete, ahnte sie ihren Gestank, der für immer auf ihrer Haut haftete. Den Aasgestank der unzähligen Toten, die sie schon auf ihren Armen getragen hatte. Nur die Zunge eines Liebenden könnte sie von dem Geruch befreien, könnte die Pein von ihrem Körper nehmen und die Aufgabe erleichtern, die sie für alle Ewigkeit würde erfüllen müssen. Aber einen, der sie wirklich liebte, würde sie niemals finden.
Nicht einmal das Kleine durfte sie bei sich behalten. Unzählige Todesharpyien würden schlüpfen, um es zu töten. Nur wenn sie es zu den Menschen gab, hatte es eine Chance zu überleben.
Die Nasenflügel der Vogelfrau bebten. Tränen lösten sich aus ihren Augen, liefen herab über ihre Wangen und tropften auf das schwarz-weiß geflammte Gefieder ihres Unterkörpers.
Ein leises Knistern brachte das Ei unter ihr zum Beben. Das Kleine kratzte von innen an der Schale und drängte heraus. Die Vogelfrau seufzte. Es wurde Zeit, sich zu verabschieden und ihr Junges dorthin zu bringen, wo es eine Mutter finden würde.

Die Braut des Windes erhob sich von ihrem Nest. Sie ergriff das Ei mit den Händen und nahm es in ihre Arme. Behutsam hielt sie es an ihrer Brust, während sie aus ihrem Unterschlupf hüpfte. Ihre Krallenfüße raschelten im Laub, bevor sie ihren Kopf nach vorne reckte und sich mit einem kleinen Sprung in die Luft warf. Ihre Flügel fingen sie auf, ließen sie zwischen den Bäumen entlanggleiten, bis das Haus vor ihr durch die Zweige schimmerte.
Die Vogelmutter hatte für ihr Kleines gesorgt. Sie beobachtete die Frau schon lange, die in dem Haus am Waldrand lebte.
Ganz nah am Weg ließ sich die Braut des Windes nieder. Mit den Krallen scharrte sie Kiefernnadeln und Sand in eine Mulde. Behutsam bettete sie das Ei darin und setzte sich noch einmal darauf, um es zu wärmen. Die Nacht lag noch tief über dem Wald. Kein Mensch würde ihr begegnen.
Doch schließlich wurde die Bewegung des Eis entschlossener. Begleitet von einem leisen Knacken warf es sich unter ihrem Gefieder hin und her. Die Braut des Windes hüpfte zur Seite und beugte sich über es. Ein verzweigtes Netz aus Rissen durchzog die Schale. Sie hüpfte um das Ei herum und spürte den Drang, ihrem Kind zu helfen. Sie wollte die Schale mit den Händen aufbrechen und das Kleine herausheben. Sie wünschte sich, das Gesichtchen zu betrachten und in die Augen ihrer Tochter zu blicken. Aber sie durfte es nicht. Ihr Kind musste auf eine andere Mutter geprägt werden, wenn es in der Welt der Menschen überleben sollte.

(aus Harpyienblut von „Daniela Ohms“, Schwarzkopf & Schwarzkopf, März 2012)

Die ganze Leseprobe findet ihr hier!

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