Historische Persönlichkeiten im Buch

Georg Freiherr von Boeselager
(erstmals erwähnt auf S. 55, erster „Auftritt“ auf S. 62 ff.)

Georg Freiherr von Boeselager wurde am 25. August 1915 geboren und wuchs als 4. Kind von insgesamt 9 Geschwistern auf der elterlichen Burg Heimerzheim auf. Zunächst erhielt er Unterricht durch einen Hauslehrer, später besuchte er ein Jesuiten-Internat, in dem er eine katholische Erziehung erfuhr, die humanistische Werte in den Mittelpunkt stellte. Dort erlebte er mit, wie der katholische Glauben durch das aufstrebende Naziregime an Missachtung erfuhr.
Auch seine Familie stand Hitler und seiner Partei von Anfang an kritisch gegenüber. Einer seiner Vettern, Wilhelm Freiherr von Kettler, war ein deutscher Diplomat und ein enger Mitarbeiter von Hitlers Vizekanzler Franz von Papen und positionierte sich als solcher ausnehmend kritisch gegenüber Hitler. Als von Kettler 1938 verschwand und seine Leiche später am Ufer der Donau angeschwemmt wurde, lag der Verdacht nahe, dass er durch das Naziregime ermordet worden war. Auch, wenn die Beweislage schwierig war und die Mörder versucht hatten, einen Suizid vorzutäuschen, ging seine Familie von einem Mord durch die Gestapo aus.
Zu dieser Zeit hatte sich Georg von Boeselager jedoch schon längst für eine Laufbahn als Berufsoffizier in der Kavallerie verpflichtet, in die er bereits 1934 eingetreten war. Seine Entscheidung für diesen Berufsweg hatte er vor allem aus Liebe zu den Pferden und aus dem Wunsch heraus getroffen, eine Reitkarriere zu beginnen. Zudem muss man berücksichtigen, dass die Kavallerie in den 30er Jahren noch immer konservativ geprägt war und sich weitgehend vom aufstrebenden Nationalsozialismus abgegrenzt hat. Zwar gab es eine Vielzahl von Offizieren, die Hitlers Kriegsbestrebungen für gut hießen, jedoch stimmten sie in ihrer Motivation nur zum Teil mit dem Naziregime überein. Beispielsweise betrachteten viele den Kommunismus als reale Bedrohung, vor der das eigene Volk zu schützen sei und sahen Deutschlands Reparationsleistung gegenüber den Siegermächten des 1. Weltkrieges als ungerechtfertigt an. Hitlers radikale Vorgehensweise und seine rassistischen „Säuberungsbestrebungen“ wurden jedoch von Offizieren wie Boeselager von Anfang an kritisch beäugt.
Trotz dieser ambivalenten Haltung bewies sich Georg von Boeselager schon vor dem Krieg als kluger Offizier, der rasch aufstieg und schon wenige Jahrgänge danach für die Ausbildung der neuen Reiter zuständig war.
Mit Beginn des Frankreichfeldzuges 1939 wurde er trotz seines jungen Alters (24) zum Kommandeur einer etwa 200 Mann starken Schwadron, die zur „Aufklärungsabteilung 6“ gehörte. Für die Bildung eines Brückenkopfes an der Seine in den ersten Tagen des Feldzuges, erhielt er eine erste Auszeichnung.
Auch im weiteren Kriegsverlauf überraschte er mit immer neuen Strategien, für die er große Anerkennung fand. Dabei erwies er sich jedoch als sehr brilliant darin, seine menschliche Auffassung so weit wie möglich mit den Erfordernissen des Krieges zu verbinden. In allen Biografien von ihm und anderen Publikationen, die von Mitgliedern seiner Einheiten geschrieben wurden, wird er als verantwortungsvoller Mensch charakterisiert, der von seinen Männern zwar hohe Leistungen verlangt, aber Grausamkeiten in jeglicher Form verachtet, Blutvergießen so weit wie möglich vermeidet und seinen Soldaten stets loyal zur Seite steht. Auch Befehle wurden von ihm hinterfragt und wenn nötig so umgedeutet, dass sein Verständnis von Menschlichkeit gewahrt blieb.
Diese Einstellung und die Diskrepanz zu den Verbrechen des Naziregimes, brachten ihn ab 1942 zum Widerstand in der Wehrmacht. Schon zu diesem Zeitpunkt sah er den Krieg als gescheitert an und hielt weiteres Blutvergießen für unverantwortlich. Auch den Völkermord an Juden und Zigeunern verurteilte er zutiefst, sobald er davon Kenntnis erhielt. Hitler zu töten war für ihn schließlich die unweigerliche Konsequenz, um das sinnlose Morden zu beenden.
„Seinen Reitern“ gegenüber erwies er ein hohes Verantwortungsgefühl und eine beharrliche Treue. Als er die „Aufklärungsabteilung 6“ Anfang 1942 verlassen musste, versprach er seinen Reitern, zu ihnen zurückzukehren.
Während die Reiter 1942 ihr schlimmstes Kriegsjahr in den Stellungen rund um Rshew erlebten, arbeitete Georg von Boeselager an den Plänen für seine Rückkehr und verband sie mit den Plänen des Widerstandes. Ein Jahr später, im Januar 1943 besuchte er seine ehemalige Reiterschwadron und kündigte ihnen an, dass er einen neuen „Kavallerieverband Mitte“ aufstellen werde, in dem alle Reiter aus dem Heeresgebiet Mitte zusammengeführt werden sollten. Schon wenige Tage später wurden Boeselagers ehemaligen Kameraden, die Reiter der zukünftigen 1. Schwadron für die neue Aufstellung abberufen. Der Kavallerieverband, den Boeselager gründete, umfasste schließlich 9 Schwadronen a 200 Reiter, die allesamt unter seinem Kommando standen.
Innerhalb eines Gespräches konnte Boeselager Generalfeldmarschall von Kluge davon überzeugen, dass ein solcher Reiterverband dringend notwendig wäre, um wichtige Sicherungsaufgaben an der Front zu übernehmen. Dabei verschwieg Boeselager, dass er gemeinsam mit Henning von Treskow und seinem Bruder Philipp den Plan geschmiedet hatte, diese Reiter nach einem erfolgreichen Attentat auf Hitler für die Sicherung des Staatsstreiches einzusetzen.
Tatsächlich fand im Hintergrund des Stauffenberg-Attentates schließlich der „Ritt der 1200“ Reiter statt, die auf den Weg geschickt wurden, um in Berlin den Staatsstreich abzusichern. Als sich herausstellte, dass das Attentat missglückt war, schickte Philipp von Boeselager sie zurück an die Front.
Erstaunlicherweise blieb die Beteiligung von Georg und Philipp von Boeselager am Widerstand unentdeckt. Dennoch fiel Georg von Boeselager nur einen Monat darauf am 27. August 1944, also genau zwei Tage nach seinem 29. Geburtstag. Er starb aufrecht stehend auf einem Panzer im Maschinengewehrfeuer einer russischen Schützendivision. In dieser „gut sichtbaren“ Position hatte er den Angriffsbefehl für seine Männer gegeben. Anfangs war es unklar, ob er seinen Tod womöglich willentlich in Kauf genommen hat. Dies wurde jedoch von seinem Bruder Philipp dementiert, da es Georg von Boeselagers Angewohnheit entsprach, aufrecht stehend und für seine Männer gut sichtbar einen Kampf anzuführen.

Philipp Freiherr von Boeselager
(S. 427 ff.)

Philipp von Boeselager wurde am 6. September 1917 geboren und war damit zwei Jahre jünger als sein älterer Bruder Georg. Ebenso wie dieser wuchs er auf der elterlichen Burg auf und besuchte später dasselbe Jesuiten-Internat in Bad Godesberg. Die beiden Brüder verband von Kindheit an ein enges Vertrauensverhältnis, das auf ähnlichen Interessen und Einstellungen beruhte.
Auch der weitere Lebensweg folgte dem seines Bruders. Nach anfänglichen Überlegungen, eine Diplomatenlaufbahn einzuschlagen, folgte Philipp von Boeselager dann doch dem Rat seines Großvaters und wurde Berufsoffizier in der Kavallerie. Dieser Rat beruhte darauf, dass er als Diplomat die Interessen der Nazis hätte vertreten müssen, was von ihm gefordert hätte, gegen seine eigenen Prinzipien zu verstoßen. Der Rat, Berufsoffizier zu werden, bezog sich hingegen darauf, dass es „sowieso Krieg geben wird“ und dass er als Offizier wenigstens „etwas vom Geschäft“ verstehen würde.
Bei der Wahl der Waffengattung entschied sich Philipp von Boeselager ebenfalls für die Kavallerie, weil er Pferde mochte und die Gelegenheit nutzen wollte, um seine Reitkenntnisse auszubauen. Wie sein Bruder begann er seine Kavallerielaufbahn im „Reiterregiment 15“ in Paderborn Schloss-Neuhaus.
Ab 1940 nahm er am Frankreichfeldzug teil, jedoch in einer anderen Aufklärungsabteilung als sein Bruder. Dort zeigte er bereits früh Zivilcourage, die sich notfalls auch gegen seine Vorgesetzten richtete. So soll er kurz vor Abschluss des Waffenstillstandes gemeinsam mit einem anderen Offizier und den Franzosen die friedliche Übergabe eines französischen Dorfes geplant haben. Noch bevor die Übergabe umgesetzt werden sollte, wollte ein profilierungssüchtiger Vorgesetzter das Dorf trotz der Vereinbarung angreifen. Philipp von Boeselager hinderte ihn mit gezogener Pistole daran, den Angriffsbefehl zu geben.
Mit dieser mutigen Tat kam er nur deshalb davon, weil der Offizier, der die Übergabe gemeinsam mit Boeselager und den Franzosen verhandelt hatte, in der Hierarchie über dem anderen Vorgesetzten stand. So wurde das Vorkommnis von allen Beteiligten unter den Tisch gekehrt und blieb nur als Gerücht im Umlauf, das Philipp von Boeselager in den späteren Widerstandskreisen den Spitznamen „Die Pistole“ einbrachte.
Ab 1941 nahm Philipp von Boeselager ebenfalls am „Unternehmens Barbarossa“, also dem Ostfeldzug der Wehrmacht teil, jedoch auch dieses Mal in einer anderen Aufklärungsabteilung als sein Bruder. Nach einer schweren Verletzung wurde er Generalfeldmarschall Günther von Kluge, dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, als Ordonnanzoffizier zur Seite gestellt. In dieser Position bekam er nach und nach Kenntnis von den völkervernichtenden Aktionen, die von der SS im Hinterland verübt wurden. Dabei tarnte die SS ihre Aktionen oft hinter euphemistischen Bezeichnungen, die selbst der Generalfeldmarschall nicht sofort durchschaute. Sowohl Philipp von Boeselager als auch Günther von Kluge erfuhren beispielsweise erst auf Nachfrage, was das Wort „Sonderbehandlung“ im Jargon der SS bedeutete. Dieses Wort tauchte in einem der täglichen Lageberichte auf, die sie von der SS aus dem Hinterland erhielten. Dort war die Rede von einigen „Zigeunern“, die „sonderbehandelt“ wurden. Erst in einer anschließenden Besprechung mit dem „höheren SS und Polizeiführer (HSSPF) Russland-Mitte“ Erich von dem Bach-Zelewski fragte von Kluge nach der Bedeutung des Wortes, woraufhin Bach-Zelewski antwortete, dass „Sonderbehandlung“ Erschießung bedeute.
In seinen späteren Interviews und Biografien schildert Philipp von Boeselager diesen Moment als schockierende Erkenntnis dessen, was im Hinterland tatsächlich vorgeht. Durch dieses und ähnliche Ereignisse festigte sich seine kritische Einstellung, die ihn schließlich in den Widerstand führte. Während seiner Arbeit bei von Kluge erhielt Philipp von Boeselager näheren Kontakt zu Henning von Treskow, einem der führenden Köpfe des Widerstandes.
Treskow wurde für Boeselager zu einem Vorbild, das ihn mit seiner ehrenhaften, humanistischen Haltung und seiner umfassenden Weitsicht überzeugte. Treskow war schließlich auch derjenige, der Philipp von Boeselager in die Widerstandsbestrebungen einweihte.
Auf diese Weise wurde Philipp von Boeselager auch für seinen Bruder Georg die „Brücke“ zum Widerstand.
Mit der Aufstellung des „Kavallerieverbandes Mitte“ kämpften die beiden Brüder erstmals in derselben Einheit, wobei Philipp von Boeselager unter seinem Bruder die Führung der 1. Abteilung übernahm, also über ein Drittel des gesamten Kavallerieverbandes. Bei dem Ritt der 1200 Reiter war er derjenige, der mit den Männern ritt und die Befehle erteilte, während Georg von Boeselager die Aktion nur punktuell überwachen konnte, weil er sich zu der Zeit noch von einer schweren Verletzung erholen musste und nicht reiten durfte.
Auch Philipp von Boeselagers Beteiligung am Widerstand bleibt von den Nazis unerkannt. Von Treskow nahm sich kurz nach dem gescheiterten Attentat selbst das Leben, in der Erwartung, dass er bald darauf enttarnt worden wäre. Alle anderen Verschwörer, die von der Beteiligung der beiden Boeselager-Brüder wussten, schwiegen darüber in den Verhören der Nazis, sogar unter der Folter.
Auf diese Weise konnte Philipp von Boeselager den Krieg überleben. Er studierte anschließend Forstwirtschaft und war maßgeblich an der Entwicklung der deutschen Forstwirtschaft beteiligt. Er heiratete und verbrachte sein Leben auf der „Burg Kreuzberg“ in Altenahr. Bis zu seinem Tod 2008 war er einer der wichtigsten Zeitzeugen des Widerstandes, der in zahlreichen Interviews, Biografien und Schulvorträgen darüber Auskunft gab.
Von ihm stammen einige meiner wichtigsten Quellen, die ich brauchte, um die Ereignisse des Widerstandes zu rekonstruieren, mir den Charakter seines Bruders Georg zu vergegenwärtigen und die politische Einstellung und Motivationen der Verschwörer zu verstehen.

Generalfeldmarschall Günther von Kluge
(erwähnt auf S. 515, 34. Kapitel)

Generalfeldmarschall Günther von Kluge war von November 41 bis Oktober 43 Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, zum Ende des Krieges war er als „Oberbefehlshaber West“ in Frankreich. Während seiner Zeit an der Ostfront stand ein wesentlicher Teil von Widerstandsoffizieren unter seiner Führung, insbesondere sein erster Generalstabsoffizier Henning von Treskow, einer der führenden Köpfe des Widerstandes und Philipp von Boeselager, der von 1941 bis 43 von Kluges Ordonnanzoffizier war. Auf diese Weise erfuhr Günther von Kluge schon früh vom Widerstand. Er stritt sich häufig mit Hitler um Kriegsangelegenheiten, hatte erheblichen Zweifel am Völkermord und teilte viele Einschätzungen der Widerstandsoffiziere. Daher wurde er immer wieder darum gebeten, sich dem Widerstand anzuschließen. Obwohl er es in Erwägung zog, entschied er sich stets dagegen.
Dennoch wurde Hitler im August 1944 der Verdacht zugetragen, dass von Kluge an der Planung des Stauffenberg-Attentates beteiligt war. Aus diesem Grund entließ Hitler von Kluge aus der Wehrmacht. Noch bevor er festgenommen werden konnte, nahm sich von Kluge das Leben. Dabei hinterließ er einen Abschiedsbrief an Hitler, in dem er schrieb, ihm immer treu geblieben zu sein und ihn darum bat, die Größe zu zeigen „einen aussichtslos gewordenen Kampf zu beenden“.