Hühnerschlachten

Falls noch nicht geschehen, empfehle ich, zunächst die Erläuterungen zu dieser gestrichenen Szene zu lesen! Siehe: Outtakes – entfernte Szenen.

Fichtenhausen, Paderborner Land, Frühling 1933

Die Hühner sahen sie an. Mit schief gelegten Köpfen und kleinen, unschuldigen Äuglein schauten sie zu Mathilda auf. Einige kamen erwartungsvoll auf sie zu, pickten vor ihr im Sand und gackerten vor sich hin.
Keines der Hühner schien das Hackebeil zu bemerken, das sie in ihrer Hand hielt.
Unschlüssig blieb Mathilda stehen, schloss das Tor des Hühnergeheges hinter sich und ließ ihren Blick über die Hühner schweifen. „Drei Stück“, hatte Katharina gesagt. Drei Hühner sollte sie schlachten – und darauf achten, dass sie nur diejenigen aussuchte, die in der Mauser waren – und noch dazu die Fettesten von ihnen.
Wenn sie ein mageres Huhn erwischte oder eines, das noch Eier legte, würde die Strafe unermesslich sein.
Mathilda biss sich auf die Unterlippe. Plötzlich fiel es ihr schwer zu atmen. Sie hatte schon oft gesehen, wie man ein Huhn schlachtete. Aber selbst getan hatte sie es noch nicht.
Sie musste einatmen … ausatmen … ein Huhn aussuchen, das durch ihre Hand sterben würde.
Sie wollte es nicht tun. Schon das fünfte Gebot sagte, dass man nicht töten sollte.
Doch es galt nicht für Tiere. Jeder Widerspruch war zwecklos. Katharina hatte sie für die Aufgabe eingeteilt und niemand anderes würde freiwillig mit ihr tauschen.
Mathilda sah noch das Grinsen ihrer Schwester vor sich, das gehässige Funkeln in ihren Augen. Seitdem Karl sie mit genähter Lippe zurückgebracht hatte, drangsalierte Katharina sie bei jeder Gelegenheit.
Aber nun war es zu spät, um noch etwas zu ändern. Mathilda musste ihre Aufgabe erfüllen – möglichst schnell, damit Katharina nicht ungeduldig wurde.
Tatsächlich fand sie ein Huhn, das genau richtig aussah. An seinem kleinen Kamm konnte sie erkennen, dass es keine Eier legte. Seine Federn hingegen hatten sich bereits von der schlimmsten Phase der Mauser erholt und es begann wieder, Fett anzusetzen.
Mathilda musste es nur noch einfangen.
So leichtfüßig wie möglich schlich sie darauf zu, stürzte sich im letzten Moment auf das Huhn – und fasste ins Leere – während die Henne laut gackernd davon rannte.
Mathilda unterdrückte ein Fluchen, atmete tief durch und versuchte es ein weiteres Mal. Wieder war das Huhn schneller und schließlich rannte es schon davon, wenn sie nur näher kam.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als ein anderes Huhn auszusuchen. Doch die Tiere waren so aufgescheucht, dass sie gackernd umherliefen und sie kaum noch in die Nähe ließen. Erst nach einer längeren Jagd, duckte sich eines der Hühner vor ihren Füßen und ließ sich packen.
Genaugenommen war das ein Zeichen dafür, dass das Huhn noch Eier legte. Nur Hühner, die Eier legten, duckten sich und streckten einem das Hinterteil entgegen, wenn man näher kam – weil sie eigentlich den Hahn erwarteten.
Doch der Kamm des Huhnes war nicht besonders groß und wenn Mathilda Glück hatte, würde Katharina das mit dem Eierlegen nicht bemerken. Also drückte sie die Flügel des Huhnes mit beiden Händen an den Hühnerkörper und trug es zum Hauklotz.
Der nächste Moment wurde umso schwieriger. Sie klemmte das Huhn unter den Arm, versuchte die Flügel festzudrücken und umfasste mit der anderen Hand die Hühnerbeine. Jetzt musste sie schnell sein, musste das Huhn mit dem Kopf zuunterst herumschleudern, damit es ohnmächtig wurde.
Das Huhn wehrte sich, bekam die Flügel wieder frei und flatterte um sein Leben. Die Flügel peitschten Mathildas Gesicht, ratschten ihre Wangen auf und zogen mit solcher Wucht an ihren Händen, dass die Beine freikamen.
Gackernd und zeternd rannte das Huhn davon.
„Mathilda?“ Eine Stimme ließ sie zusammenfahren. „Ich suche Joseph. Hast du ihn gesehen?“
Mathilda wirbelte herum. Hinter ihr stand Karl, direkt im Hinterausgang des Schweinestalles, ganz so, als wäre er auf der Suche nach Joseph durch die Ställe gelaufen.
Mathilda starrte ihm entgegen. „Ich, ich …“ Sie stammelte. „Nein. Joseph musste mit Papa aufs Feld.“
Karls Blick wanderte über ihr Gesicht, über die aufgebrachten, gackernden Hühner und das Beil neben ihren Füßen. „Was machst du da?“ Er klang verwundert.
Erst jetzt bemerkte sie etwas Feuchtes an ihrer Wange, dort, wo das Huhn sie mit den Flügeln geschlagen hatte. Für einen Moment glaubte sie, dass es Blut war – als sie jedoch darüber wischte, war es durchsichtig.
Tränen!
„Ich muss … ich …“ Wieder stammelte sie.
Karl kam ihr zuvor. „Sollst du etwa die Hühner schlachten?“
Mathilda nickte. „Drei“, erklärte sie heiser. „Drei Stück. Aber …“ Ihre Stimme versagte.
„Sie lassen dich die Hühner schlachten?“ Karl klang ungläubig.
Wieder nickte sie.
Es war dieser Moment, in dem sich sein Blick veränderte. Das freundliche Lächeln verschwand aus seinen Augen und verwandelte sich in etwas Finsteres. Mit entschlossenen Schritten kam er auf sie zu, öffnete die Pforte und trat in das Hühnergehege. „Welche Hühner sollen es sein?“
Mathilda hielt den Atem an. Hastig sah sie sich um und suchte die Hühner wieder, die sie ausgesucht hatte. Der Reihe nach zeigte sie darauf.
Karl ging auf das erste zu, fing es mit einer raschen Bewegung ein und trug es zum Hauklotz. Noch ehe das Huhn begriff, wie ihm geschah, hatte er die Beine gepackt und das Tier herumgeschleudert. Für eine Sekunde hing es regungslos kopfüber. Karl bückte sich nach der Axt, legte den Hals des Huhnes auf den Hauklotz und durchtrennte ihn mit einem einzigen Schlag.
Ein gewaltiges Zucken lief durch das Huhn. Während der Kopf zu Boden fiel, fingen die Beine an zu zappeln, entschlüpften seinen Fingern und sprangen zu Boden. Doch das kopflose Huhn rannte nur wenige Schritte, ehe es tot zusammenbrach.
Mathilda schluckte. Heiße Tränen schossen in ihre Augen.
„Welches noch?“ Karls Stimme klang sanft.
Mathilda schniefte, wischte die Tränen beiseite und suchte zwischen den Hühnern. Mit zitternden Fingern zeigte sie auf das nächste.
Karl fing das zweite Huhn ebenso schnell, schlug ihm auf die gleiche Weise den Kopf ab und ließ sich das dritte Huhn zeigen. Zuguterletzt sammelte er die toten Hühner auf, fasste ihre Beine zu einem Bündel zusammen und ließ sie mit den blutenden Hälsen nach unten baumeln.
Mathilda starrte auf das makabre Bild, schaute gleich darauf in sein Gesicht und bemerkte das dunkle Schimmern in seinen Augen.
„Hat Katharina dir gesagt, dass du die Hühner schlachten sollst?“ Verhaltener Zorn schlummerte in seiner Stimme.
Mathilda nickte.
Karl atmete ein. Ein mitleidiges Schimmern strich über sein Gesicht. „Wie alt bist du eigentlich?“
Sie presste die Lippen zusammen, musste zuerst ihr Entsetzen herunterschlucken, ehe sie reden konnte: „Neun.“
Karl schüttelte betreten den Kopf. Einen Moment lang schien er zu zögern. „Deine Schwester ist ein herzloses Biest“, erklärte er leise.
Mathilda zuckte innerlich zusammen. Dass er es wagte, so etwas auszusprechen …
Karl öffnete das Tor des Hühnergeheges, trat zusammen mit ihr heraus und ging neben ihr bis zum Stalleingang. Erst vor der Tür blieben sie stehen. „Sag ihr das bloß nicht“, ergänzte er leise. „Aber du solltest das wissen – damit du nicht glaubst, es würde an dir liegen.“
Neue Tränen wollten sich in Mathildas Augen drängen. Hastig biss sie sich auf die Unterlippe.
„Wenn du noch einmal Hilfe brauchst …“ Ein bitteres Lächeln zuckte über sein Gesicht. „Beim Hühnerschlachten … oder bei was anderem … Dann kannst du mir jederzeit Bescheid sagen.“ Damit reichte er ihr die toten Hühner. Eines in die linke Hand und zwei in die rechte.
Als Mathilda die Hühner in die Küche brachte, wunderte Katharina sich darüber, wie schnell sie gewesen war.
Doch von da an half Karl ihr häufiger. Anfangs zögerte Mathilda, aber schließlich wurde es selbstverständlich, ihn um Hilfe zu bitten.
So kam es, dass sie beim nächsten Mal wieder so schnell war. Doch dieses Mal schien Katharina etwas zu ahnen – und schließlich machte sie sich einen Spaß daraus, Mathilda jedes Mal zum Schlachten zu schicken.
Irgendwann kam Katharina nach draußen, während Karl im Hühnergehege stand und eines der Hühner köpfte. Von diesem Tag an lästerte sie über ihn. Darüber, dass er sich von einem kleinen Mädchen herumkommandieren ließ.
Doch Karl störte sich nicht daran. Er bot ihr offen die Stirn, machte sich seinerseits über Katharina lustig und stellte sich bedingungslos auf Mathildas Seite.
Vielleicht war das der Grund, warum Katharina einen glühenden Hass auf Karl entwickelte – warum auch Mathildas Vater immer schlechter auf ihn zu sprechen war …
… und warum Mathilda anfing, ihn mit kindlicher Absolutheit zu lieben.

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