Karls Geheimnis und Ende, Kapitel 30 bis 36

„Natürlicher Hang zur Kriminalität“ (30. Kapitel, S. 449)

Den „Zigeunern“, also den Volksgruppen der Roma und Sinti wurde vom Nationalsozialismus vorgeworfen, „von Natur aus kriminell“ zu sein. Dies führte nicht nur zu einer menschenverachtenden Diskriminierung, sondern gab den Nazis eine pauschale Legitimation für alle „Maßnahmen gegen die Zigeuner“. So führten sie die „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ ein, die es möglich machte, „Zigeuner“ festzunehmen, und sie „vorbeugend“ in Lager und Gefängnisse zu sperren. Unter dieser Legitimation wurden am Rand der großen Städte riesige „Zigeunerlager“ ausgewiesen, in die sämtliche Roma und Sinti umsiedeln mussten, auch solche, die vorher sesshaft gewesen waren und nachweislich einem ehrenhaften Beruf nachgingen. Allein die Zugehörigkeit zu der Minderheit, bedeutete, dass man als kriminell galt.
Selbst die spätere Deportation und „Vernichtung“ wurde als „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ etikettiert.

 

Reichserbhofgesetz vom September 1933 (30. Kapitel, S. 455)

Paragraph 13 (Originalwortlaut):
Bauer kann nur sein, wer deutschen oder stammesgleichen Blutes ist. Deutschen oder stammesgleichen Blutes ist nicht, wer unter seinen Vorfahren väterlicher- oder mütterlicherseits jüdisches oder farbiges Blut hat.
Rassenhygienische Forschungsstelle/ Zigeunerforscher (30. Kapitel, S. 457)

Die Rassenhygienische Forschungsstelle unter Robert Ritter wurde 1936 von den Nazis gegründet, um die „Zigeuner“ zu erforschen und zu klassifizieren. Einerseits versuchten die „Forscher“ biologische Kriterien und „zigeunerische“ Gesichts- und Körpermerkmale zu finden. Andererseits waren sie dafür zuständig, die „Zigeunerpopulation“ im Deutschen Reich lückenlos zu erfassen. Zu diesem Zweck reisten sie durch das ganze Reich, besuchten die Familien, maßen ihre Körpermerkmale aus und erstellten umfassende Familienstammbäume. In unzähligen Fällen wurden infolge der Klassifizierung zum „Volksschädling“ Zwangssterilisationen von Kindern und Jugendlichen vorgenommen.
Die bürokratische Erfassung der „Zigeunerfamilien“ bildete schließlich die Grundlage für die Deportationen. Es gab jedoch Überlegungen, einige „reinrassige Zigeuner“ zu „Forschungszwecken“ am Leben zu lassen. Tatsächlich wurden die Roma und Sinti mehr als alle anderen Volksgruppen für medizinische Experimente missbraucht. Insbesondere der KZ-Arzt Joseph Mengele „forschte“ im KZ Ausschwitz an zahlreichen Mitgliedern der Minderheit und machte sich damit an einer Reihe der grausamsten Verbrechen schuldig.
Sogenannte „Zigeunermischlinge“ standen bis in die Enkelgeneration im Fokus der Verfolgung. Die Nazigesetzgebung klassifizierte den „Zigeunermischling“ als „ganz besonderen Volksschädling“ und schrieb vor, bei der Verfolgung keine Ausnahmen zu machen.
Ob es den Nazis jedoch tatsächlich gelang, alle, bzw. die meisten „Zigeunermischlinge“ aufzuspüren, geht aus der Literatur nicht eindeutig hervor. In meiner Recherche war es ausgesprochen schwierig, herauszufinden, in welchem Ausmaß es „Zigeunermischlingen“ gelang, sich vor dem Naziregime zu verstecken oder in Sicherheit zu bringen. Erfahrungsberichte darüber gibt es nur wenige.
Stattdessen habe ich immer wieder den Hinweis in der Literatur gefunden, dass nach dem 2. Weltkrieg eine Vielzahl von Roma und Sinti ihre Identität versteckt gehalten haben. Daher kann man wohl auch davon ausgehen, dass gerade diejenigen, die sich während des Krieges tarnen konnten, ihre wahre Identität auch nach dem Krieg nicht aufgedeckt haben. Zumal die Stigmatisierung und Benachteiligung der Roma und Sinti auch nach Ende des Naziregimes noch fortgesetzt wurde und die damaligen Vorurteile bis heute noch in den Köpfen vieler eine Rolle spielen. Wer also einmal einen Weg gefunden hatte, der Ausgrenzung und Verfolgung zu entgehen und in der Mehrheitsbevölkerung unterzutauchen, ist vermutlich anschließend dabei geblieben.

 

Deportationszug (35. Kapitel, S. 526 ff.)

Die geschilderte Deportation sowie die beschriebenen Insassen des Zuges lehnen sich nicht an einen bestimmten Deportationszug an. Tatsächlich liege ich mit der altersmäßigen Zusammensetzung der Zuginsassen und vor allem mit ihrer „Menge“ wohl ein bisschen neben der Realität. Die Massendeportationen aus dem Deutschen Reich wurden bereits 1943 abgeschlossen. Danach fanden nur noch kleinere Transporte mit wenigen Deportierten statt. Nur noch selten wurden mehr als 100 Personen transportiert und zumeist waren es einzelne Waggons, die den planmäßigen Zügen angehängt wurden. Die meisten dieser Transporte bestanden aus alten Leuten, die zuvor von den „Aktionen“ ausgenommen worden waren.
Alle Deportationen aus dem deutschen Reich, die nach 1943 stattfanden, führten entweder nach Auschwitz oder nach Theresienstadt.
Die Deportationen aus anderen Ländern fanden 1944 jedoch zum Teil erst ihren Höhepunkt. Insbesondere aus Ungarn wurden zwischen April und Oktober 1944 438.000 Juden nach Auschwitz deportiert.
In den Jahren zuvor gab es in Auschwitz einen gesonderten Abschnitt, in dem ausschließlich Roma und Sinti inhaftiert waren, das sogenannte „Zigeunerfamilienlager“. Dieses Lager wurde jedoch am 2. und 3. August 1944 aufgelöst, was konkret bedeutete, dass alle Insassen getötet wurden. Mehrere Monate zuvor, am 16. Mai 1944 hatte es bereits einen ersten Versuch gegeben, das „Zigeunerlager“ zu liquidieren. Dieser scheiterte an einem Aufstand der Insassen, die gewarnt worden waren und sich mit selbstgebauten Waffen aus Wellblech verteidigten. Unter ihnen befanden sich ca. 100 ehemalige Wehrmachtangehörige, die zuvor im Krieg gekämpft hatten.
Nach dem ersten Auflösungsversuch wurden die „Zigeuner“ noch einmal selektiert. Alle arbeitsfähigen Personen wurden für Arbeitseinsätze in andere Lager verlegt. Bei den Menschen, die am 2. und 3. August in die Gaskammern geschickt wurden, handelte es sich also hauptsächlich um Kinder, ältere Leute und geschwächte Personen.
Mit dem von mir geschilderten Transport im September 1944 kommt Karl also „knapp zu spät“, um ebenfalls im Zigeunerlager inhaftiert zu werden. Ich schildere dann am Ende zwar die Tätowierung in seinem Arm, die ihn als Zigeuner kennzeichnet. Tatsächlich vermute ich aber, dass er diese bei seiner „späten Ankunft“ gar nicht mehr bekommen hätte. Zumal er Auschwitz ja direkt nach seiner Selektion wieder verlässt.

 

Todesmarsch von 700 Jüdinnen (35. Kapitel, S. 537)

Mit dem Marsch der Jüdinnen, den Mathilda und Leni von ihrem Hof aus beobachten, schildere ich eine wahre Begebenheit, die meine Oma kurz vor Kriegsende miterlebt hat.
Ich habe ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass es sich bei den jüdischen Frauen um 700 Zwangsarbeiterinnen handelte, die von Lippstadt aus auf einen Todesmarsch ins KZ Bergen-Belsen geschickt wurden. Dort kamen sie jedoch nie an. Am 1. April wurden sie in Kaunitz von US-amerikanischen Truppen befreit.
Tatsächlich führt der Weg von Lippstadt nach Kaunitz durch das Dorf meiner Oma. Ich gehe also davon aus, dass meine Oma Zeugin dieses Todesmarsches wurde, der glücklicherweise ein gutes Ende genommen hat.

 

Bewährungsbataillon (36. Kapitel, S. 557)

Es ist unglaublich, aber wahr.
Zahlreiche Sinti und Roma wurden zu Beginn des Krieges regulär in den Wehrdienst einberufen und mussten an der Front kämpfen. Die meisten von ihnen wurden 1942 gemäß den Rassegesetzen jedoch als „wehrunfähig“ aus der Wehrmacht „entfernt“. Teilweise wurden sie noch in ihrer Uniform ins KZ deportiert.
Als gegen Ende des Krieges die Fronten zusammenbrachen und die Lage für das Deutsche Reich eng wurde, wurde so manch überlebender Sinto erneut „mobilisiert“. In Straf- oder Bewährungsbataillonen wurden sie zurück an die Front geschickt, während ihre Familien zur gleichen Zeit im KZ ermordet wurden.
Dieser Zeitungsartikel berichtet von Mindener Sintis, die auf diese Weise den Krieg überlebt haben.