Karls Tagebuch – Einträge Sommer 1938

Achtung Spoiler!

Erst nach Beendigung des Romanes lesen!

Außerdem empfehle ich, zunächst die Erläuterungen zu dieser gestrichenen Szene zu lesen! Siehe: Outtakes – entfernte Szenen.

 

Fichtenhausen, 9. August 1938

Meine Mutter ist tot, meine Großmutter auch, verbrannt in dem Haus, in dem meine Mutter aufgewachsen ist, in dem meine Großmutter versucht hat, so deutsch wie möglich zu sein, deutsch genug, um ihre braune Haut unsichtbar zu machen. Aber dieses Braun ließ sich nicht abwaschen, durch nichts, und nun ist es zerstört, von einem anderen Braun, das mit teuflischem Hass die Hand unserer Nachbarn lenkt. Unsere eigenen Nachbarn – die mit uns auf den Feldern gearbeitet haben … neben denen wir in der Kirche saßen … die das Lachen meiner Mutter kannten … Meine Phantasie quält mich, lässt grauenhafte Szenen an mir vorüberziehen. Doch keine Phantasie der Welt ist stark genug, um es zu begreifen. Ich möchte schreien, um das Unglück herauszulassen, aber ich darf es nicht. Alles in mir möchte weinen, aber ich kann es nicht. Oder ich spüre es nicht. Mein Körper löst sich auf in der Trauer, rollt sich auf dem Bett hin und her, bis alles weh tut, in mir drin, um mich herum. Das Stroh der Matratze sticht durch meine Haut, die Hitze meiner Decke bedeckt meinen Körper mit Schweiß.
Ich habe Fieber. Ich bin krank, tödlich verwundet durch seelischen Schmerz. Ich kann nicht glauben, dass es vorbeigeht. Niemals.
Doch tief in mir drin nagt ein weiterer Gedanke an mir, eine spitze Stimme, die von der Zukunft spricht.
Welche Zukunft? Wenn die Vergangenheit auf diese Weise zerstört wird, kann es keine Zukunft geben.
Überleben! Nur dieses eine Wort flüstert die Stimme. Noch ist die Treibjagd woanders, aber sie rückt näher. Gebt dem Tier eine Tarnung, damit es sich davon schleichen kann.
Eine falsche Identität. In wenigen Wochen schon werde ich Karl Bergmann sein, ein junger Mann, der aus dem Nichts kommt, seine Vergangenheit im Dunkeln versunken. Nur in seinen Nächten schreckt er auf und hört die Schreie.
Ich höre Emmas Schreie in der Hütte, die Schreie meiner Mutter in dem brennenden Haus.
Das Brennen erfüllt meinen Körper. Schon lange ist es her, seit Karl von Meyenthal zu Asche zerfiel und auferstand als Steinecken Karl. Nun verbrennt auch dieser und wird ein weiteres Mal aus der Asche steigen wie ein Phoenix, der auf ewig verdammt ist, dasselbe Leid zu erdulden. Karl Bergmann, der noch schweigsamer sein muss, als alle seine Versionen zuvor und der bald einkehrt in die Höhle des Löwen. Ein freiwilliger Soldat in der Wehrmacht, vollblütiger Arier mit Leib und Seele, voller Enthusiasmus für Führer und Vaterland.
So jemand werde ich niemals sein. Aber ich werde mich fügen, werde gehorsam sein und tun, was man mir befiehlt. Wenn es Krieg gibt, werde ich töten. Wie alle Soldaten. Um zu überleben. Um mein Land zu verteidigen … um die Menschen zu schützen, die ich liebe. So wie ich früher gegen ganze Scharen von Jungen gekämpft habe, um meine kleine Schwester vor ihnen zu retten.
Vergeblich.
Wie kann man in einem einzigen Absatz vom Töten und von der Liebe schreiben?
Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergeht, während ich so daliege und mich auflöse, während ich den Schmerz spüre, den ich nicht herauslassen kann. Nur diese Zeilen helfen. Nur hier kann ich schreien, ohne dass mich jemand hört. Ich möchte so laut schreien, dass die ganze Welt erstarrt.
Aber sie dreht sich weiter. Sie hört mich nicht.
Ob meine Papiere schon ausgefüllt sind? Ob sie so gut sein werden, dass niemand die Fälschung erkennt? Wenn etwas schief geht, werden sie mich abholen – zusammen mit denen, die mir geholfen haben. Dieses brennende Haus in meinen Träumen zeigt mir, wozu sie fähig sind. Karl von Meyenthal, Zigeunerbastard, Delinquent mit einem angeborenen Hang zum Verbrechen wird brennen, so oder so. Auch wenn jede Definition über seinen Charakter nur Propaganda ist.
Aber was ist mit IHR? Allmählich dringen andere Bilder durch den Rauch. Ich stehe wieder im Fluss, spüre wie die Strömung meine Beine umfließt und sehe ihr Gesicht vor mir. Ihre Augen sprechen von UNS. Tausend Fragen leuchten darin, wie ein Schatten liegt die Unsicherheit in ihren Zügen. Sie kann mich nicht einschätzen und ich kann es ebenso wenig. Sie trägt nicht mehr als ihren Badeanzug, roter Stoff mit weißen Punkten, so eng an ihrem Körper, dass ich jedes Detail sehen kann. Himmel, sie ist kein Kind mehr! Und trotzdem noch so zart, dass ich Angst hätte, sie zu verletzen.
Warum habe ich sie nur ins Wasser gelockt? Warum bin ich derjenige, der ihr das Schwimmen zeigt? Ich muss sie halten, damit sie nicht untergeht. Meine Hand streift ihre Haut, ihr Bauch spannt sich unter meinen Fingern. Aber sie zuckt nicht zurück. Sie schmiegt sich an mich, damit ich sie halte.
Ich spotte über sie, nicht böse, nur ein kleines bisschen. Sie soll nicht merken, was in mir vorgeht. Sie soll nicht wissen, wie sehr ich brenne. Wenn sie es wüsste, würde jegliche Kontrolle zusammenbrechen.
Sie möchte mir beweisen, dass sie den Spott nicht verdient. Und mir ist es recht. Es lenkt ab, von dem, was zwischen uns geschieht. Sie schwimmt! Ganz allein. Nur aus Trotz, weil mein Spott sie verletzt.
Meine kleine Mathilda. Sie ahnt nicht, wie stark sie sein könnte – wenn sie nur endlich keine Angst mehr hätte.
Plötzlich wird sie übermütig. Ich habe sie zu weit getrieben, sie möchte mir zu viel beweisen. Sie sieht nicht, dass die Strömung schon eher beginnt, auch dort, wo sie noch nicht zu sehen ist.
Die Strömung reißt sie mit, will sie nach unten ziehen. Ich muss ihr nach, muss sie retten, muss sie festhalten, damit sie nicht untergeht. Ich erreiche sie, noch gerade rechtzeitig, um sie an die Luft zu ziehen. Die Strömung erfasst uns beide. Mathilda hält sich fest und drückt mich runter. Doch das ist es wert. Lieber würde ich selbst ertrinken, wenn ich sie dadurch rette.
Aber wir schaffen es. Irgendwie. Die Strömung treibt uns in eine Wurzelhöhle. Plötzlich sind wir allein, geborgen, ihr Körper klammert sich an meinen. Ich fühle ihre Haut, ihre Wärme, meine Hände machen sich selbstständig. Mein ganzer Körper möchte ihr nah sein, noch näher …
Dabei ist sie noch fast ein Kind! Meine Gedanken schreien diesen Satz. Ich darf ihr nicht so nah kommen! Ich darf sie nicht berühren! Ich darf sie nicht lieben!
Denn genau das tue ich. Meine Lippen wollen es flüstern, wollen es mit einem Kuss über ihre Haut hauchen.
Ihr Kuss ist schneller als meiner. Ihre Lippen berühren meine Schulter.
Wir müssen aufhören! Bevor es zu spät ist. Ich versuche einen Scherz und schiebe sie von mir. Doch der Schmerz bleibt, noch stärker als zuvor. Sie will mich. Ich sehe es in ihren Augen.
Dann entdecke ich die anderen. Sie kommen in unsere Bucht. Sie dürfen uns nicht sehen!
Ich lasse Mathilda zurück und schwimme unter Wasser davon. Ich weiß, dass ich sofort gehen sollte, um vor den anderen keinen Verdacht zu erregen. Aber ich kann mich nicht lösen. Ich möchte bei ihr bleiben, schiebe sie mit dem Reifen durch die Bucht und bringe sie zum Lachen. Ihre Augen leuchten, funkelnde graue Sterne.
Wir toben und lachen, tarnen uns hinter dem Spiel. Doch dazwischen wollen wir nur eins: uns wieder berühren, ganz so als wäre es Zufall. Wir provozieren uns gegenseitig, testen die Grenzen. Was dann geschieht, ist mein Fehler. Sie geht unter, als ich den Reifen umkippe. Wieder muss ich sie retten, muss sie aus dem Wasser ziehen und im Arm halten.
In diesem Moment geschieht es. Ich höre Lenis Singsang: „Karl liebt Mathilda, Mathilda liebt Kar-harl.“ Es klingt harmlos, aber das ist es nicht.
Sie hat recht – und das Mädchen, das ich liebe, ist erst vierzehn. Plötzlich richten sich alle Augen auf mich.
„Karl sieht aus wie ein Zigeuner.“ Leni lacht und zeigt auf meine dunkle Haut. Sie meint es nicht böse. Leni hasst die Zigeuner nicht. Sie liebt das Abenteuer. Und die Liebe zu einem Zigeuner könnte ein Abenteuer sein.
Aber sie hat es ausgesprochen. Ohne es zu wissen, hat sie die Maus aus ihrem Versteck gezogen und der Katze zum Fraß vorgeworfen.
Ich schaue auf meinen Arm und sehe es erst jetzt. Ich war zu lange in der Sonne, einen ganzen Nachmittag. Meine Haut schimmert wie flüssige Bronze. Ich wünschte, ich wüsste eine schneidige Antwort auf ihren Scherz. Aber der Scherz, der mir einfällt, erscheint mir zu schwach.
Die anderen lachen dennoch. Sie wenden sich ab und toben weiter. Doch Lenis Worte bleiben im Raum. Wann immer jemand meine Haut oder das Schwarz meiner Haare betrachtet, werden sie sich daran erinnern.
Leni weiß nichts von der Wahrheit, die sie entdeckt hat. Aber sie weiß, was zwischen mir und ihrer Schwester vorgeht. Ich sehe es in ihrem Blick, in ihrem Lächeln, das von einer leichten Unebenheit verzerrt wird. Sie hätte den rassigen Zigeuner gern für sich, das kleine Abenteuer. Wenn er sie nicht längst abgewiesen hätte.
Spätestens jetzt weiß sie, warum ich sie weggeschickt habe: Weil es für mich nur ein Mädchen gibt, eines, das noch zu jung ist.
Immer wieder frage ich mich, was geschehen wäre – wenn die anderen nicht in die Bucht gekommen wären, wenn wir allein in der Wurzelhöhle geblieben wären.
In meinen guten Nächten träume ich davon. In den Schlechten weiß ich, dass ich ihr nie wieder so nah kommen darf.
Nie wieder!

Fichtenhausen, 12. August 1938

Ich wage mich wieder aus meinem Zimmer. Noch nicht bis nach draußen, dafür bin ich noch zu schwach, noch nicht stabil genug. Aber ich schleiche mich in den roten Salon, setzte mich an den Flügel. Eine Melodie zieht durch meine Erinnerung, längst vergessen in einem vergangenen Leben – die Melodie meiner Mutter. Sie hat sie gesungen, als ich klein war. Die Melodie stammt von meiner Großmutter, aus ihrer Zigeunerfamilie, die sie schon als Kind verloren hat. Vielleicht ist es ein Wiegenlied, oder ein Kinderlied, oder eines, in dem das Elend ihrer Rasse begraben liegt. Soviel Schmerz klingt darin, dass es Letzteres sein muss.
Ich möchte die Melodie spielen. Ich möchte sie aus meinen Gedanken befreien und in die Welt hinausschicken. Fast von allein finden meine Finger die Tasten. Ich brauche nur wenige Versuche, und die Melodie befreit sich aus meinem Kopf, schwebt in traurigen Wellen durch den Raum … hinaus aus dem Fenster. Während ich spiele, vergesse ich, dass es offen steht. Ich fühle mich allein mit der Musik – doch meine Melodie wartet nicht auf meine Erlaubnis. Sie schwebt über das Feld hinter dem Haus, vielleicht sogar bis zum Hof nebenan.
Ich weiß nicht, wieviel Zeit auf diese Weise vergeht, ob ich schon seit Stunden oder nur wenige Minuten hier sitze. Plötzlich steht SIE neben mir, setzt sich zu mir auf den Hocker. Ich zucke zusammen, meine Melodie stolpert.
Ich versuche, weiter zu spielen, aber es geht nicht. Ihre Schulter schmiegt sich gegen meine. Meine Hände zittern, meine Gefühle rasen wie eine Springflut durch meinen Körper. Sie kann es sehen, ihre Hand legt sich auf meine.
Und dann geschieht es: Ich ziehe sie in meine Arme. Erst jetzt spüre ich, dass ich weine, dass es doch noch Tränen in mir gibt. Mathilda ist alles, was ich jetzt noch habe, ich möchte mich an ihr festhalten. Mein Mund findet ihren. Es geht so schnell, dass es keine Gedanken zulässt, kein Zögern, nur die Summe aus unseren Gefühlen. Sie reagiert auf meinen Kuss, ihr Körper drückt sich in meine Arme.
Sie liebt mich! Es gibt keinen Zweifel mehr. Schon den ganzen Sommer lang hat sie es getan.
Doch ich darf es nicht zulassen, mein Geheimnis erlaubt es nicht, sie zu lieben. Ich bin ein Tier, gejagt und eingekreist, kurz vor der Flucht. Dahin, wo ich gehe, kann ich sie nicht mitnehmen. Ich kann ihr nicht einmal versprechen, zurückzukommen. Ich kann sie nur verlassen – und hoffen, wenigstens die schlimmste Katastrophe damit abzuwenden.
Meine Vernunft schlägt zu, der unbedingte Wille, sie zu beschützen, auch gegen meinen eigenen Wunsch. Ich weiß nicht, woher ich die Energie nehme, aber ich springe auf. Ich kann nicht glauben, dass mein Mund noch sprechen kann, aber die Worte formen sich von allein. Einstudierte Worte, die ich mir in monatelangen Grübeleien zurechtgelegt habe: „Wir dürfen das nicht tun! Du bist zu jung … und dein Vater …“
… würde es niemals zulassen. Doch das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Ich bin ein Zigeunermischling – und sie ist eine Arierin. Allein unser Kuss ist RASSENSCHANDE, ein Grund, mich zu verhaften und ins Arbeitslager zu bringen.
Ich möchte es ihr erklären. Ich wünsche mir, etwas tun zu können, damit sie mich versteht. Aber es ist zu gefährlich. Ich muss schweigen. Die einzige Erklärung, die ich ihr bieten kann, ist schwach: „Ich bin der Falsche für dich.“
Ihre Augen verstehen es nicht. Die Liebe darin glaubt an mich, ganz gleich, wer ich bin. Es fühlt sich schön an, sie so zu sehen – und lässt mich im gleichen Moment verzweifeln. Weil ich nun weiß, was ich verlieren werde. Für immer.
Dieser Blick ist ein Abschied. Es zerreißt mir das Herz, aber ich zwinge mich zu gehen.

2 thoughts on “Karls Tagebuch – Einträge Sommer 1938

  1. Edel Lenz sagt:

    Ich finde das Tagebuch von Karl sehr gut. Schade das es gestrichen werden musste. Man blickt darin so tief in seine Seele.

    LG Arietta von der Leserunde bei LB

    • Daniela sagt:

      Ja, wie ich in den Erläuterungen geschrieben habe. Ich liebe dieses Tagebuch auch und habe mich nur schwerlich davon trennen können. Aber fast alles, was darin vorkommt, hat sich mit etwas anderem gedoppelt, was man gerade erst gelesen hat.
      Außerdem war mein Buch bei weitem zuuuu lang. Deshalb die Streichung.
      Aber dafür darf Karl ja nun hier noch einmal etwas von seiner „Seele“ offenbaren :D

      Liebe Grüße zurück!
      Daniela

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