Mathildas erste Kälbchengeburt

Falls noch nicht geschehen, empfehle ich, zunächst die Erläuterungen zu dieser gestrichenen Szene zu lesen! Siehe: Outtakes – entfernte Szenen.

 

Fichtenhausen, Paderborner Land, Juli 1934

Es war ein stiller Sonntagnachmittag, als Mathilda zusammen mit Joseph von der Kirche aus nach Hause wanderte. Das grelle Licht der Sonne reflektierte auf dem weißen Sandweg und ließ sie die Augen zusammenkneifen. Auch die Hitze brannte vom Himmel und trieb einen feinen Schweißfilm über ihre Haut. Doch Mathilda störte sich nicht daran. Ganz im Gegenteil: Dieser Tag würde ein guter Tag werden!
Im Vorbeigehen ließ sie ihren Arm über die Grashalme am Wegesrand streifen. Sie hatte ihren Ärmel zurückgeschoben und die weichen Ähren kitzelten ihre Haut. Manche von ihnen waren flauschige Büschel, andere sahen aus wie zu dünn geratene Haferähren, wieder andere trugen reife Samen, die an ihrem Kleid hängenblieben.
Normalerweise liefen sie um diese Zeit mit der ganzen Familie nach Hause. Aber heute war es anders: Der Vater und Stefan wollten sich noch mit anderen Bauern treffen, um ein paar Dinge zu besprechen. Über die SA wollten sie reden, über das, was passiert war. Nur soviel hatte Mathilda mitbekommen.
Für gewöhnlich hielten die Braunhemden jeden Sonntag ihren SA-Aufmarsch. Genau zur Kirchzeit zogen sie mit Pauken und Trompeten über den Kirchplatz und störten die heilige Messe. Und genauso regelmäßig wie die SA den Gottesdienst störte, schimpfte Mathildas Vater darüber, sobald sie wieder zuhause waren.
Ein einziges Mal hatte Mathilda ihn danach gefragt, warum er sich nicht bei der SA oder beim Ortsbauernführer beschwerte. Doch ihr Vater war noch wütender geworden und hatte ihr eingeschärft, dass man sich „niemals und auf keinen Fall“ über solche Dinge beschweren durfte. Weil es sonst passieren konnte, dass man abgeholt wurde.
Abgeholt zu werden, war etwas Schreckliches. Wer abgeholt wurde, kehrte nie wieder zurück. Doch mehr als das wusste Mathilda nicht darüber, und es war zwecklos, den Erwachsenen Fragen zu stellen.
Nur heute musste irgendetwas passiert sein. Zum ersten Mal seit Langem hatte es keinen SA-Aufmarsch gegeben. Nach der Kirche hatte ein zufriedener Ausdruck auf dem Gesicht ihres Vaters gelegen und die Leute hatten über die SA geredet. Mathilda hatte sich Mühe gegeben zuzuhören, aber sie hatte nichts davon verstanden – und schließlich hatte ihr Vater sie unwirsch weggeschickt.
Mathilda war mit hängendem Kopf zu ihren Schwestern geschlichen. Doch von ihnen schien sich keine für die SA zu interessieren. Sie waren von einer Freundin zum Nachmittagskaffee eingeladen worden und schickten Mathilda davon.
So kam es, dass sie mit Joseph allein von der Kirche nach Hause ging – in dem Wissen, dass sie den ganzen Nachmittag lang allein sein würden. Ein ganzer Nachmittag, an dem sie tun konnten, was sie wollten.
Mathilda drehte ihren Arm, streifte die weichen Grassamen von den Stängeln und sammelte sie in ihrer Hand. Erst, als sie keine Samen mehr fassen konnte, ließ sie die winzigen Körner auf den Sandweg rieseln.
Joseph ging noch immer neben ihr her. Schon seit sie an der Kirche losgegangen waren, schwieg er nachdenklich vor sich hin. Wieder fiel Mathilda auf, wie sehr er sich verändert hatte, seitdem er nicht mehr in die Schule ging. Noch vor einem Jahr wäre er vor ihr her gesprungen, hätte im Sand ein Rad geschlagen und kaum darauf geachtet, ob sein Sonntagsanzug darunter litt. Oder er hätte Steine gesammelt und in seiner Jackentasche nach Hause getragen, ganz egal, ob Katharina darüber schimpfte, dass er sein Taschenfutter zerschlissen hatte.
Doch jetzt ging er einfach nur geradeaus.
Mathilda hoffte inständig, dass er nicht genauso langweilig werden würde wie ihre älteren Schwestern.
Aber selbst, wenn dem so sein sollte – heute sollte er noch einmal der alte Joseph sein. „Wenn wir jetzt den ganzen Nachmittag allein sind …“, fing sie langsam an. „Dann könnten wir etwas spielen. Vielleicht mit Murmeln. Oder wir sammeln Schnecken und Käfer und bauen im Garten einen Zoo.“ Mathilda sah ihn hoffnungsvoll an.
„Du möchtest Zoo spielen?“ Joseph schaute von oben auf sie herab. Er hatte sich im letzten Jahr nicht nur verändert – er war auch gewachsen und wirkte nun so lang und dünn wie ein einjähriges Fohlen.
Mathilda nickte. „Bitte, Joseph. Wir haben schon lange nicht mehr Zoo gespielt.“
Dass es in manchen Städten einen Zoo gab, hatte ihre Schwester Betti ihnen erzählt. Betti war schon vor zwei Jahren nach Hannover gezogen und brachte von dort die unglaublichsten Geschichten mit. Nur zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten kam sie nach Hause. Bei einem dieser Feste hatte sie Joseph und Mathilda versprochen, dass sie in Hannover in den Zoo gehen würden, wenn sie einmal zu Besuch kämen. Mathilda hatte sich lange darauf gefreut. Aber vergeblich. Nicht ein einziges Mal war ihr Vater mit ihnen nach Hannover gefahren, um Betti zu besuchen. Er war nicht einmal allein dort gewesen.
Doch seitdem war der Zoo Mathildas Lieblingsspiel, für das sie viel zu selten Zeit hatten.
Joseph druckste herum. Eine zweifelnde Miene legte sich über sein Gesicht. „Ich bin vierzehn, Tildeken. Ich fange bald eine Lehre an. Ich kann mich doch jetzt nicht mit dir in den Garten setzen und Käfer hinter Holzstöckchen einsperren.“
Mathilda presste die Lippen aufeinander. „Die anderen sind doch nicht da“, erklärte sie. „Keiner wird mitbekommen, dass du spielst. Und bevor sie zurückkommen, bauen wir alles wieder ab.“
Joseph stieß ein leises Seufzen aus. Sein Blick wurde weich und Mathilda glaubte schon, sie hätte gewonnen. Aber dann schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, Tildeken. Es macht mir auch gar keinen Spaß mehr zu spielen. Ich bin einfach schon zu alt dafür.“
Die Worte stachen zu. Ein heißes Brennen sammelte sich in Mathildas Augen. Ihre Hand griff fester nach den Grashalmen, umklammerte die Stängel und rupfte sie mitsamt den Wurzeln heraus.
„Das hat nichts mit dir zu tun, Tildeken. Dich mag ich noch genauso. Aber ich würde lieber andere Dinge machen.“ Er deutete nach vorne, dorthin, wo das Gestüt lag. „Wir könnten Karl fragen, ob er mir eine Reitstunde gibt. Und du könntest dabei sein. Vielleicht lässt er dich auch reiten.“
Mathilda spürte, wie die Enttäuschung abebbte. Reiten mit Karl … Ihr Blick streifte über die Felder, bis zu dem Gestüt, dessen Einfahrt sie schon beinahe erreicht hatten. Mit Karl zu reiten, wäre womöglich noch besser sein als das Zoo-Spiel. „Einverstanden. Wann gehen wir hin? Jetzt gleich?“
Joseph lachte. Seine Stimme klang erleichtert. „Nicht ganz, kleine Schwester. Wir sollten erst mal unsere Sonntagskleidung ausziehen.“ Er versetzte ihr einen Stups auf die Nase.
Mathilda wich einen Schritt zur Seite, sprang ein paar Hoppser nach vorne und lachte. Doch schon kurz darauf kehrten ihre Gedanken zu Betti zurück. Es gab nicht viele Menschen, die ihre Fragen beantworteten. Dafür gab es um so mehr Fragen, die sie noch nie gestellt hatte.
Joseph war der einzige in ihrer Familie, dem sie Fragen stellen konnte: „Betti hat uns doch mal versprochen, dass wir in den Zoo gehen, wenn wir bei ihr sind. Aber Papa ist nie mit uns nach Hannover gefahren. Warum nicht?“
Josephs Gesicht wurde grimmig. Er trat mit dem Holzschuh in den Sand und wirbelte eine Staubwolke auf. „Weil Betti einen Protestanten geheiratet hat. Und weil sie auch sonst immer macht, was sie will. Das schätzt Papa nicht besonders.“
Mathilda versuchte, sich Bettis Gesicht in Erinnerung zu rufen. Seitdem ihre Mutter gestorben war, hatte sie Betti viel zu selten gesehen. Aber wann immer ihre Schwester zu Besuch kam, nahm sie Mathilda an der Hand, ging mit ihr spazieren und erzählte Geschichten aus Hannover. Manchmal spielte sie sogar mit ihr.
Mathilda mochte Betti, vielleicht sogar am zweitmeisten, direkt nach Joseph.
Um so weniger konnte sie verstehen, warum ihr Vater nichts mehr von Betti wissen wollte. „Was hat sie denn Schlimmes getan?“
Josephs Blick haftete am Boden. „Als Betti vierzehn war, hat Papa ihr eine Anstellung in einer wohlhabenden Familie besorgt. Dort sollte sie im Haushalt arbeiten und kochen lernen. Aber nach einem Jahr hat sie aufgehört und sich selbst etwas anderes gesucht – weit weg, in Hannover. Papa war außer sich. Er hat ihr das nie verziehen. Aber als sie dann mit einem Protestanten ankam …“ Joseph trat ein weiteres Mal in den Sand.
Mathilda fragte sich, warum er plötzlich so schlecht gelaunt war – bis ihr klar wurde, dass er vor kurzem selbst versucht hatte, sich gegen ihren Vater durchzusetzen. Joseph hatte sich vorgenommen, nach seiner Schule auf dem Gestüt eine Ausbildung zum Pferdepfleger zu machen. Mit Gustav von Steineck hatte er schon alles geklärt, der Ausbildungsplatz wäre ihm sicher gewesen.
Ihr Vater war jedoch dagegen gewesen und hatte darauf bestanden, dass Joseph eine Ausbildung zum Tischler machte. Eine Woche lang hatten sich die beiden darum gestritten. „Mit diesen Protestanten haben wir nichts zu schaffen“, hatte ihr Vater geschrien. „Bei diesen Besserwissern hast du nichts zu suchen!“
Irgendwann hatte Joseph aufgegeben und den Lehrplatz als Tischler angenommen. Doch erst jetzt begriff Mathilda, wie wichtig es ihm gewesen war. Joseph hätte bei den Steinecks nicht nur die Pferde gepflegt. Er hätte auch reiten dürfen – genauso wie Karl. Monatelang hatte er heimlich davon geschwärmt, bis er es gewagt hatte, ihrem Vater davon zu erzählen.
Mathilda betrachtete ihn von der Seite, sein verkniffenes Gesicht unter der braunen Schirmmütze. „Du wolltest wohl wirklich gerne Pferdepfleger werden, oder?“
Joseph lachte bitter. „Ja, das wollte ich. Aber Papa hat immer das letzte Wort. Weißt du, was er mir zum Schluss gesagt hat?“
Mathilda schüttelte den Kopf.
„Wenn ich zu den Steinecks ginge, dann wäre ich die längste Zeit sein Sohn gewesen. Dann könnte ich sehen, wie ich allein für mich sorge.“ Josephs Mundwinkel verzogen sich zu einer Grimasse.
Mathilda schluckte. Deshalb hatte er nachgegeben. Damit er nicht verstoßen wurde. Damit es ihm nicht genauso erging wie Betti. Plötzlich verstand Mathilda, warum er an diesem Sonntag lieber reiten wollte. Seit seinem Streit konnte er Karl nur noch heimlich um Reitstunden bitten. „Dann sollten wir uns wohl beeilen“, erklärte sie. „Damit wir mit der Reitstunde fertig sind, bevor Papa und Stefan zurückkommen.“ Sie machte eine kurze Pause, knabberte an ihrer Unterlippe und wagte es, ihre neueste Frage zu stellen: „Warum müssen die beiden eigentlich über die SA sprechen? Sie haben doch gar nichts damit zu tun.“
Joseph schaute nachdenklich zu Boden. „Schwer zu sagen. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, dann hat Hitler die SA abgeschafft.“
„Abgeschafft?“ Mathilda sah ihn ungläubig an. Doch dann begriff sie, was das bedeutete: Endlich konnte sie die Worte einordnen, die sie vor der Kirche gehört hatte, zumindest einige davon. Irgendjemand war ermordet worden. Oder festgenommen. Oder beides. Aber Mathilda hatte die meisten Namen nicht gekannt, über die sie redeten. Einzig Hitler sagte ihr etwas. „Ich dachte, die SA würde zu Hitler gehören? Warum hat er sie dann abgeschafft?“
Joseph zuckte die Schultern. „Das hat mich auch gewundert. Aber jetzt heißt es, die SA wollte einen Aufstand gegen ihn anzetteln.“
Einen Aufstand gegen Hitler? Mathilda wollte noch weitere Fragen stellen. Aber Joseph winkte ab und deutete nach vorne. Ihr Hof war nicht mehr weit entfernt. „Wenn wir noch reiten wollen, dann sollten wir uns beeilen.“ Er zog seine Holzschuhe aus und rannte los.
Mathilda lachte. Endlich war er wieder der alte Joseph. Sie streifte ebenfalls die Holzschuhe ab und lief ihm nach. So schnell sie konnten, flitzten sie durch die Deele ins Haus. Im Mädchenzimmer zog Mathilda sich um, tauschte das Sonntagskleid gegen ihr Alltagskleid, mit dem sie normalerweise auf dem Hof arbeitete. Falls sie tatsächlich reiten durfte, wäre eine Hose wohl deutlich besser. Aber selbst, wenn sie eine alte Hose von Joseph bekommen könnte – sobald ihre Familie sie damit erwischte, wäre ihr eine Tracht Prügel sicher.
Als Mathilda wieder nach draußen kam, war Joseph nirgends zu sehen.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Joseph war niemals langsamer als sie. Trotzdem lief sie zurück ins Haus und riss die Tür zum Jungenzimmer auf, das Joseph sich mit Stefan teilte.
Das Zimmer war leer.
Mit einem Mal zog sich ein elendes Gefühl durch ihren Magen. Joseph hatte sie versetzt! Er hatte seinen Vorsprung ausgenutzt, um ohne sie zu Karl zu laufen.
Mathilda rannte nach draußen. Sie konnte nichts gegen die Verzweiflung tun, die sich in ihre Stimme setzte: „Joseph!“, schrie sie, laut genug, damit er sie selbst auf dem Gestüt noch hören konnte. „Komm zurück!“
„Mathilda!“ Joseph antwortete ihr. Doch seine Stimme klang gedämpft, kam irgendwo aus dem Stall. „Nun brüll doch nicht so. Ich bin hier drin, im Kuhstall.“
Mathilda atmete erleichtert auf. Also hatte er sie doch nicht im Stich gelassen. Sie lief zurück in die Deele, bog nach rechts ab in den Kuhstall.
Auf den ersten Blick konnte sie Joseph nicht entdecken. Nur die Kühe standen im Laufstall und sahen ihr mit großen Augen entgegen. Erst dann hörte sie das schwere Stöhnen, das vom Boden des Stalles herauf drang.
„Ich bin hier unten.“ Josephs Stimme kam aus der gleichen Ecke. Sie klang leise und sanft. „Komm hierher.“
Mathilda trat an den Laufstall heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte über das Geländer.
Joseph kniete am Boden. Neben ihm im Stroh lag Erna, ihre jüngste Kuh. Sie hatte den Kopf weit von sich gestreckt, ihre Augen starrten groß und entsetzt ins Leere, während sie mit jedem Atemzug ein schweres Stöhnen von sich gab.
Plötzlich bäumte sich ihr Körper auf. Ein tiefer Laut brach aus ihrer Kehle, ein grausiges Röhren, das nur entfernt an ein Muhen erinnerte. Viel eher klang es so, als würde die Kuh schreien.
Mathilda wurde schwindelig. Erna würde sterben! Deshalb lag sie im Stroh, schreiend und stöhnend.
Doch am schlimmsten war das, was unter ihrem Schwanz aus ihr herauslugte. Mathilda starrte darauf und konnte es nicht begreifen.
„Mathilda.“ Joseph durchbrach ihr Starren. Sein Tonfall klang ruhig, beinahe so, als wäre alles in Ordnung. „Wir brauchen Hilfe. Allein schaffe ich es nicht.“
Erst jetzt erkannte sie, dass er ein Seil um das Etwas gebunden hatte.
Wieder bäumte sich der Körper der Kuh auf. Joseph zog an dem Seil, hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Griff und stemmte die Füße in den Boden. Er wollte das Ding aus ihr herausziehen. Eisige Panik kroch durch Mathildas Hals. „Was ist mit ihr? Sie darf nicht sterben!“
Der Körper der Kuh entspannte sich, sackte mit einem Stöhnen in sich zusammen.
Joseph fing an zu lachen. Es war ein seltsamer Laut, vermischt mit einem angestrengten Keuchen. „Mathilda. Beruhig dich. Es ist alles in Ordnung. Sie bekommt ein Kälbchen! Ihr erstes Kälbchen. Deshalb ist es ziemlich schwer.“ Ein amüsiertes Funkeln schimmerte in seinen Augen.
Mathilda starrte auf das Gebilde unter Ernas Schwanz. Es sah knubbelig aus, glänzend und dunkel. Aber dann erkannte sie es: Es waren zwei Hufe – und eine Kälbchennase.
Aber wie konnte das sein? „Warum hat er das getan?“, flüsterte sie. „Warum hat der Klapperstorch das Kälbchen in sie reingesteckt?“
Josephs Lachen explodierte! „Mathilda“, prustete er. „Der Klapperstorch …“ Einen Moment lang konnte er nicht an sich halten. Sein Lachen wieherte, nur mühsam presste er die Worte darunter hervor: „Die Kälbchen sind immer da drin. Im Bauch der Kuh. Bis sie herauskommen. Es gibt keinen Klapperstorch.“
Mathildas Gedanken drehten sich. Natürlich gab es einen Klapperstorch. „Aber er nistet doch bei den Veltmanns auf dem Dach!?“
„Ja“, prustete Joseph. Lachtränen erschienen in seinen Augen. „Es gibt Klapperstörche, aber sie bringen keine Babys. Weder die Tierkinder noch die Menschenbabys.“
Mathilda versuchte zu überlegen. Wenn der Klapperstorch keine Kinder brachte – Hieß das, ihre Mama hatte sie angelogen? Und ihr Papa? Und alle anderen auch? Wenn sogar Joseph es wusste … „Aber … wir waren doch immer bei Böttchers Mama? Warum mussten wir immer zu Böttchers Mama, wenn es gar keinen Klapperstorch gibt?“
Josephs Lachen beruhigte sich. Er wischte die Lachtränen von seinem Gesicht und sah zu ihr auf. „Damit wir das hier nicht mitbekommen.“ Er deutete auf die Kuh. „Damit wir nicht hören, wie sie stöhnen und schreien – und damit wir nicht sehen, wo die Kälbchen herauskommen. Und vor allem, damit wir keine Fragen stellen und nicht darüber reden.“
Mathilda starrte wieder auf die kleinen Hufe, auf die winzige Nase. „Darüber?“ Sie wusste nicht, was Joseph meinte.
Wieder schrie die Kuh auf. Ihr Hals hob sich vom Boden, ihr dicker Bauch zog sich zusammen. Joseph stemmte sich in das Seil. „Mathilda“, stieß er gepresst hervor. „Wir müssen es rausziehen. Aber ich schaffe es nicht allein. Du musst Karl holen!“
Karl … Mathilda nickte. Karl würde ihre Rettung sein. Er würde wissen, was zu tun war. „Ja, natürlich. Ich hole ihn.“ Sie ging noch ein paar Schritte rückwärts, spähte im Weggehen zwischen den Holzstäben der Heuraufe hindurch. Dann drehte sie sich um und rannte aus dem Stall, durch die Deele auf den Hof. So schnell sie konnte, lief sie über den Sandweg, bis zu der Kastanienallee, die zum Gestüt führte.
Karl! Sie musste ihn finden!
Was, wenn er nicht da war? Wenn er noch mit den Steinecks auf dem Rückweg von der Kirche war? Er war Ostpreuße, er war evangelisch, genau wie die Steinecks. Es wäre nicht das erste Mal, dass er mit ihnen in die Kirche fuhr.
Die Kastanien hüllten die Allee in dunkle Schatten. Dennoch geriet Mathilda ins Schwitzen, ihr Atem keuchte.
Der Reitplatz neben der Hofzufahrt war leer. Sie rannte daran vorbei, stürzte durch das Tor in den Innenhof und lief weiter zum Stalleingang.
Doch auch drinnen war es ruhig. Nur ein paar Pferde standen in den Boxen und sahen ihr entgegen. Das hohe, weißgetünchte Gewölbe leuchtete hell im Licht der Sonne.
„Karl?“ Mathilda rief durch den Stallgang. Vielleicht stand er in einer der Boxen.
Aber niemand antwortete ihr.
Seine Kammer! Heute war Sonntag. Karl hatte frei. Womöglich war er in seiner Kammer.
Mathilda lief durch die Stallgasse auf die andere Seite. Ganz am Ende, direkt neben der Sattelkammer, war ein einzelnes Zimmer vom Stall abgetrennt. Nervosität kribbelte in ihren Fingern, bevor sie an die Tür klopfte. Bislang war sie noch nie in seiner Kammer gewesen.
Doch auch in seinem Zimmer rührte sich nichts.
„Guten Tag, Mathilda.“ Eine tiefe Stimme ließ sie zusammenzucken.
Es war Ferdinand Richter, einer der anderen Pferdepfleger. Er stand inmitten des Stallganges und lächelte ihr entgegen. „Falls du Karl suchst – er ist gerade ausgeritten. Vor ein paar Minuten ist er los. Wenn du dich beeilst, kannst du ihn noch einholen.“ Er deutete mit dem Arm nach draußen. „Er ist auf der Hinterseite des Hofes raus.“
„Danke!“ Mathilda hastete zurück durch die Stallgasse. Wenn Karl ausgeritten war, musste sie sich beeilen. Sobald sie draußen war, sprintete sie über den Hofplatz. Die langen, weißen Gebäude waren zu einem Rechteck um den Hof herum angeordnet. Doch abgesehen von dem Eingangstor vorne gab es auch zwischen dem großen Wohnhaus und dem Gesindehaus eine Durchfahrt, die nach hinten hinaus führte.
Mathilda rannte darauf zu, bog in den Weg ein, der sie an der neuen Reithalle vorbei und schließlich auf das offene Feld hinaus führte.
Dann entdeckte sie ihn: Karl ritt weiter hinten zwischen den Feldern. Der schwarze Schweif seiner braunen Stute wirbelte hin und her, um die Fliegen zu vertreiben.
„Karl!“ Mathilda rief ihm nach, rannte weiter. „Karl! Halt an! Bitte!“
Tatsächlich parierte er sein Pferd durch, wendete es und sah ihr entgegen. Kurz darauf trabte er an und ritt auf sie zu.
Mathilda wurde schneller, wollte ihn erreichen.
„Was ist denn mit dir los?“ Karl hielt neben ihr an. Ein weiches Lächeln legte sich auf sein Gesicht, warme Ruhe strahlte aus seinen Augen.
Mathilda keuchte, musste ein paar Mal ein und aus atmen, ehe sie sprechen konnte: „Erna“, stieß sie hervor. „Erna bekommt ein Kälbchen. Aber wir sind allein. Joseph und ich. Und er sagt, er muss es herausziehen. Allein schafft er es nicht.“
Karl lachte leise. Für einen Moment wirkte er erleichtert. „Wenn das so ist … dann helfe ich euch.“ Er beugte sich im Sattel nach vorne, streckte ihr die Hand entgegen. „Magst du hochkommen? Dann reiten wir zu euch.“
„Jetzt?“ Mathilda sah ihn erstaunt an. Karl hatte sie schon oft im Sattel mitgenommen, aber in diesem Moment hatte sie nicht damit gerechnet. Ihr Herz fing an zu klopfen, schnell und aufgeregt.
Oder war es noch so schnell von der Anstrengung?
Sie nahm Karls Hand, setzte ihren Fuß in den Steigbügel, den er ihr freigemacht hatte, und hielt sich mit der anderen Hand am Sattel fest. Es war eine gewohnte Übung, sich zu ihm auf das Pferd zu ziehen. Doch dieses Mal wartete Karl nicht, bis sie sich vor ihm auf den Sattelknauf gesetzt hatte. Stattdessen umfasste er ihren Bauch und zog sie an sich. Er selbst rutschte im Sattel zurück und ließ sie vor sich sitzen.
Es war deutlich bequemer, als der Sattelknauf. Aber auch enger.
„Los geht’s!“ Karls Stimme lachte an ihrem Ohr. „Bereit für einen kleinen Galopp?“
„Galopp?“ Kalter Schrecken stieß durch Mathildas Adern. Sie war noch nie galoppiert. „Ich kann das doch gar nicht.“
Karl lachte noch immer. „Keine Sorge, Schneeflocke. Ich halte dich.“ Er schob den Arm noch enger um ihren Bauch.
Mathilda nickte. Sie spürte Karls Bewegung hinter sich, erahnte das Kommando seiner Beine, kurz bevor sich der Körper des Pferdes anspannte – und lossprang.
Mathilda erschien es, als würden sie fliegen, während sie hinter den Höfen über die Feldwege rasten. Karl lenkte das Pferd mit einer Hand, hielt Mathilda mit der anderen und lehnte sich mit ihr in die Kurven. Schließlich bog er auf den Weg ab, der von der anderen Seite zu ihrem Hof führte.
Kurz darauf erreichten sie den Hofplatz. Karl sprang hinter ihr aus dem Sattel, streckte ihr die Arme entgegen und hob sie nach unten.
Mathilda schwankte, musste das Gleichgewicht erst wiederfinden. Karl grinste sie an, seine Augen funkelten unter dem Schatten der Schirmmütze, während er ihr die Pferdezügel in die Hand drückte. „Bring sie in euren Stall. Ich laufe zu Joseph.“
Mathilda nickte und beeilte sich, die Stute in den Pferdestall zu führen. Max und Molly standen an diesem Sonntag auf der Weide, also gab es genug Platz. So schnell sie konnte, streifte sie die Trense über Selmas Kopf, zog den Sattel von ihrem Rücken – und lief wieder in den Kuhstall.
Die Tür zum Laufstall stand offen, lud Mathilda ein, ganz nah heran zu kommen.
Karl und Joseph hockten bei Erna im Stroh. Gemeinsam hielten sie das Strick, einer von rechts, der andere von links. Doch sie zogen nicht daran, bereiteten sich nur darauf vor. Erst als die Kuh mit einem lauten Röhren aufschrie, stemmten sich die Jungen in das Seil.
Das Kalb bewegte sich tatsächlich. Seine Beine wurden länger, hinter der Nase erschien ein halber Kopf, gleich darauf die Augen, die Ohren.
Dann sank die Kuh wieder zurück. Auch die Jungen entspannten sich. Karl beugte sich vor, streichelte Erna über den Rücken. „Das machst du gut. Gleich ist es geschafft.“ Ein Lächeln klang aus seiner Stimme.
Mit dem gleichen Lächeln sah er zu Mathilda, zog sich die Mütze vom Kopf und warf sie ihr zu.
Auch Joseph hatte seine Mütze längst auf die Heuraufe gelegt. Mathilda legte Karls Kappe daneben und sah auf die zerwühlten Haare der beiden Jungen herab: Josephs so blond und hell wie der Schein der Sonne – und Karls Haare in einem dunklen Braun, mit einem rötlichen Schimmer darin, der im Lichtstrahl des Stallfensters leuchtete. Auch seine Haut wirkte dunkler als die von Joseph.
Wieder spannte sich die Kuh an.
„Jetzt! Die Schultern!“ Karl gab das Kommando, die Jungen zogen.
Mathilda betrachtete den Kopf des Kälbchens, den Hals, der Stück für Stück hervorkam. Dann sah sie die Schultern. Mit einem kräftigen Ruck schlüpften sie heraus. Plötzlich ging alles ganz schnell: Mit einem schlürfenden Schmatzen glitt das Kälbchen ins Stroh. Ein Schwall Wasser floss hinterher und gleich darauf etwas Langes, das sich neben ihm zu einem grauen Haufen aufrollte.
Die Jungen ließen das Strick locker, fielen lachend nach hinten und purzelten halb übereinander. Für eine Sekunde blieben sie liegen, wie zwei hilflose Käfer auf dem Rücken, ihre Haare in der frischen Einstreu.
Erst dann bekamen sie ihre Arme frei und rappelten sich auf. Karl hockte sich zu dem Kälbchen, wischte den Schleim aus seiner Nase und löste das Seil von den Hufen. Sein Gesicht wirkte erleichtert. „Alles bestens. Dem kleinen Kuhmädchen geht es gut.“ Er sah auf und strahlte Mathilda entgegen.
Auch Joseph strahlte. Er ging zu Erna und klopfte ihr die Flanken.
Die Mutterkuh gab ein tiefes, erschöpftes Stöhnen von sich, nur einen Moment lang, ehe sie den Kopf hob und sich ihrem Kälbchen zuwandte. Mit einem leisen Prusten ließ sie die Nase über das nasse Fell wandern. Schließlich stand sie mit einem erstaunlichen Ruck auf, senkte den Kopf zu ihrem Kind und fing an, die dünne Haut abzulecken, die sich silbrig über das Fell des Kälbchens zog.
Mathilda konnte kaum glauben, was sie sah. Hatte sie wirklich geglaubt, ein großer Vogel würde das Kälbchen mit seinen Krallen in den Stall tragen? Plötzlich war es ihr peinlich. Sie warf einen hastigen Blick zu Karl. Er sollte nicht denken, dass sie ein kleines dummes Mädchen war. Ob er wusste, dass sie an den Klapperstorch geglaubt hatte?
Wenn es so war, dann ließ Karl sich nichts anmerken. Er lehnte rückwärts an der Heuraufe und schaute auf das Kälbchen. „Ich finde, Mathilda sollte der Kleinen einen Namen geben.“ Erst jetzt drehte er sich um und zwinkerte ihr zu.
Mathildas Blick fing sich in seinen Augen. Er hatte braune Augen, goldbraun, in der Farbe von dunklem Karamell. Es waren die schönsten und ungewöhnlichsten Augen, die sie kannte.
Plötzlich wusste sie, welchen Namen das Kälbchen tragen sollte. „Emma“, erklärte sie. „Sie soll Emma heißen.“
Karls Gesicht veränderte sich. Ein trauriges Flackern huschte darüber. Emma war der Name seiner kleinen Schwester. Erst vor kurzem hatte er Mathilda von ihr erzählt, davon, wie sehr er sie vermisste. Jetzt schien sein Blick in der Ferne zu versinken. Mit einem Mal wirkte sein Körper schwächer, so als müsste die Heuraufe ihn stützen.
Mathilda spürte Mitleid. Ganz allein war er aus Ostpreußen nach Westfalen gekommen und hatte seine Familie in seiner Heimat zurückgelassen. Mathilda wusste nur wenig darüber. Einzig seine Andeutungen ließen sie ahnen, dass traurige Dinge geschehen waren.
Am liebsten wollte sie die Hand nach ihm ausstrecken.
Doch Joseph durchbrach den Moment. „Wir wollten gerade zu dir kommen.“ Er wandte sich an seinen Freund. „Ich wollte dich fragen, ob du Zeit hast für eine Reitstunde. Aber dann hab ich entdeckt, was mit Erna los ist. Und jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, wie lange wir noch haben, bis unser Vater oder unsere Schwestern wiederkommen.“
Karls Blick kehrte in die Gegenwart zurück. Er bedachte Joseph mit ernster Miene. „Ich dachte, dein Vater hätte dir verboten, bei uns zu reiten.“
Joseph zuckte die Schultern. „Nicht direkt. Er hat mir verboten, eine Ausbildung bei den Steinecks zu machen. Über die Reitstunden mit dir haben wir nicht gesprochen.“ Er senkte die Stimme und schaute zu Boden. „Aber ich denke, es wäre besser, wenn wir das verheimlichen.“ Hastig wandte er sich ab, verließ den Laufstall und ging in den Nachbarraum. Kurz darauf hörte Mathilda das Plätschern der Waschschüssel.
Karl löste sich von der Heuraufe, zog Mathilda mit sich aus dem Verschlag und folgte seinem Freund in die Futterküche.
Mathilda schloss den Riegel des Holzgatters und schlich hinter ihnen her.
Karl war hinter Joseph stehen geblieben. „Heimlich befreundet sein, heimlich helfen, heimlich reiten.“ Sein Tonfall klang unruhig. „Ihr zwei bringt mich noch mal in eure vielbeschworene, katholische Hölle.“
Mathilda zuckte zusammen.
Doch Joseph drehte sich zu Karl um. Trotzig reckte er sein Kinn vor. „Wenn jemand dafür Ärger bekommt, dann ich. Und das nehme ich in Kauf.“
Einen Moment lang starrten die beiden sich an. Mit einem Mal erschien Karl größer als sonst, deutlich erwachsener als seine fünfzehn Jahre. „Dann hoffen wir, dass du Recht hast, Joseph Alvering.“ Er deutete mit dem Arm zur Tür. „Außerdem sollten wir uns beeilen, bevor eure Familie zurückkommt. Wir gehen hinter dem Bruchwäldchen in die Wiese. Dort sieht uns keiner. Hol Selma aus dem Stall und sattele sie wieder auf. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob du schon gut genug bist, um sie zu reiten, aber wir versuchen es. “
Joseph trat einen Schritt zurück. Beinahe konnte Mathilda hören wie er aufatmete. Oder war es ihr eigener Atem?
Während Joseph nach draußen ging, blieb sie wie angewurzelt stehen und sah zu, wie Karl sich über die Waschschüssel beugte. Konnte es wirklich sein, dass er in die Hölle kommen würde? Sie musste an das 8. Gebot denken: Du sollst nicht lügen!
Sie logen jedes Mal, wenn sie eine Ausrede erfanden, um sich heimlich mit Karl zu verabreden.
Dunkle Furcht legte sich um Mathildas Kehle. „Stimmt es, dass wir dich in die Hölle bringen?“
Karl hielt inne, zog die Arme aus dem Wasser und drehte sich zu ihr um. Bilder blitzten vor Mathildas innerem Auge auf, von den Teufelsfratzen unter dem Kirchdach, sie sah das Fegefeuer und die Menschen, die darin verbrannten. Wer in der Hölle war, musste für immer brennen. Sie konnte nicht zulassen, dass Karl dorthin kam! „Du sollst nicht in die Hölle kommen!“, rief sie. „Wenn du dafür in die Hölle kommst, dann will ich gar nicht mehr …“
„Mathilda!“ Karl unterbrach sie. Verschwommen konnte sie sehen, wie er auf sie zukam. „Das mit der Hölle sollte ein Scherz sein. Das hab ich nur gesagt, weil ihr Katholiken euch so schrecklich davor fürchtet. Aber ich bin evangelisch. Wir glauben überhaupt nicht an die Hölle.“
Mathilda hielt den Atem an.
Karl blieb vor ihr stehen. Seine Hand legte sich an ihre Wange, wischte die Tränen beiseite. „Deswegen hasst euer Vater uns so. Weil wir uns nicht vor eurer Hölle fürchten. Wir glauben an Gott und an Jesus und an alles, was in der Bibel steht. Aber von eurer Hölle steht nichts in der Bibel, jedenfalls nicht so. Die Hölle ist die Abwesenheit von Gott, große Einsamkeit für diejenigen, die nicht an Jesus und Gott glauben. Und das Fegefeuer ist der Moment, in dem wir Gott begegnen und erkennen, wie winzig und fehlerhaft wir sind. Aber die ewigen Höllenqualen, Dämonen, Feuer und Schmerzen. Das steht nicht in der Bibel. Das hat euer Papst erfunden, um euch Angst zu machen.“
Der Boden schwankte unter Mathildas Füßen. Was redete er da? Das war Gotteslästerei! Selbst, wenn er nicht an die Hölle glaubte. Der Papst musste es besser wissen. Und jeder, der nicht den rechten Glauben pflegte, kam schon allein deshalb in die Hölle. Jemand musste Karl retten! „Und die Muttergottes?“ Er musste an die Muttergottes glauben, nur sie konnte ihn vielleicht noch vor der Hölle bewahren!
Karl schüttelte den Kopf. „An die Muttergottes glauben wir auch nicht. Sie ist die Mutter von Jesus, dafür achten wir sie. Aber wir beten sie nicht an. Genauso wenig wie eure Heiligen.“
Mathilda bekam keine Luft mehr. Sie wollte einatmen, doch die Luft verfing sich in ihrer Nase, kämpfte gegen den Schleim, der sich darin gesammelt hatte.
„Mathilda!“ Karl klang erschrocken. Seine Hände legten sich um ihr Gesicht. Seine Augen erschienen direkt vor ihr. „Ganz ruhig. Einfach weiteratmen, Schneeflocke. Mir passiert nichts. Und dir auch nicht. Wir Protestanten glauben zwar nicht an die Hölle, und den Himmel stellen wir uns auch nicht so vor wie ihr. Aber wir glauben an die Wiederauferstehung an Gottes Seite.“ Er senkte die Stimme, wurde noch leiser: „Und weißt du, woran ich glaube? Ich denke, dass Gott überall ist. In allen Menschen und allen Tieren, selbst in der Natur um uns herum. Wenn ich also irgendwann tot bin, dann bleibe ich trotzdem. Vielleicht bin ich dann ein Wassertropfen, der an einem Spinnennetz hängt. Oder ein Wassertropfen in einem Fluss, der durch ganz Europa fließt.“ Sein Daumen strich über ihr Gesicht: „Oder eine Träne in deinen Augen.“
Mathildas Unterlippe zitterte. Immer mehr Tränen kamen hervor. So viele Tränen. Ein toter Mensch musste mehr als nur eine davon sein. Vielleicht alle ihre Tränen auf einmal. „Und meine Mutter? Ist sie auch eine Träne?“
„Ja.“ Karl zog sie in die Arme. Sein Mund flüsterte in ihren Haaren: „Sie ist eine Träne in deinen Augen. Und in denen deiner Geschwister, und in denen deines Vaters. Immer wieder kommt sie zu euch, solange, bis ihr nicht mehr traurig seid.“
Mathilda lehnte sich gegen ihn. Sie hörte ihr eigenes Schniefen, hörte Karls Atem an ihrem Ohr und fühlte seine Wärme. Seine Arme lagen auf ihrem Rücken und hielten sie fest. Er war hier! Er war nicht tot. Und ein Mensch, der so gut war wie er, würde niemals in die Hölle kommen.
Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Weinen verebbte und die letzten Tränen sickerten in sein Hemd.
Auf dem Hof ertönte das Hufklappern eines Pferdes. „Karl? Mathilda?“ Joseph rief von draußen. „Wo bleibt ihr solange?“
„Wir kommen!“ Karl rief zurück. Gleich darauf ließ er sie los, richtete sich auf und atmete tief durch. Plötzlich lauerte Furcht in seinem Blick. „Erzähl deiner Familie bloß nicht, was ich dir erklärt habe. Dein Vater hasst mich auch so schon genug.“
Mathilda nickte. Niemals würde sie Karl verraten. Nur eines interessierte sie noch. „Woher weißt du das alles?“
Karl zuckte zusammen. Es war nur eine winzige Bewegung, aber Mathilda konnte sie sehen. Auch die Furcht in seinen Augen glühte auf.
Dann winkte er ab und legte ein Lächeln über seinen Mund. „Ich hatte gute Lehrer. Und Eltern, die meine Fragen beantwortet haben.“

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