Plauderstündchen: Über Mich

Da ihr auf dieses Seite geklickt habt, nehme ich mal an, ihr wollt jetzt etwas über mich wissen, oder? Aber ich muss euch warnen. Wer mich etwas fragt, bekommt lange Antworten. Das liegt in meiner Natur, ich erzähle einfach so gerne. Ich bin eine von den Autoren, die man bremsen muss, damit sie „nur“ 500 Seiten in ihren Roman schreiben.

Wenn ihr also nur die wesentlichen Fakten über mich wissen wollt, dann könnt ihr jetzt wieder wegklicken und stattdessen die Autoreninfos auf meinen Büchern lesen. Aber wenn ihr gerne etwas mehr hören möchtet, seid ihr hier genau richtig ;-)

 

Ich bin im November zur Welt gekommen, im kalten, grauen November 1978 in Rheda-Wiedenbrück. Und während ich im Krankenhaus meine ersten Atemzüge tat, hingen graue Nebelschwaden über dem Flusswasser der Ems. Sie zogen draußen um das Schloss, verfingen sich in den Zweigen der Rosensträucher und versteckten die Herbstgeister hinter ihrem weißen Schleier. In der Luft lag ein sanfter Geruch von Moder und Verfall und die Menschen liefen geduckt, um möglichst schnell zurück in ihre heimeligen Wohnungen zu kommen.

Okay, okay, ich gebe es ja zu: Das habe ich mir jetzt dazugedacht. Genaugenommen hat mir nie jemand erzählt, ob es am Tag meiner Geburt neblig war, und natürlich kann ich mich auch nicht mehr daran erinnern.

Aber in einem bin ich mir sicher: ich muss glücklich gewesen sein, als ich damals meine ersten Blicke in die düstere Novemberwelt hinaus warf. Denn bis heute macht mich alles glücklich, was sich schaurig und wehmütig anfühlt und worüber man vor einem warmen Kaminfeuer nachdenken kann. Ich liebe den Herbst, wenn die Tage kürzer und dunkler werden, und ich liebe die Nacht, in der ich mit meinen Geschichten allein sein kann. Wenn alles um mich herum dunkel ist, dann kann ich sie wie einen Film vor meinem inneren Auge ablaufen lassen und muss die Bilder nur noch in Worte übersetzen.

Aber bevor ich weiter ausschweife, erst mal wieder zurück zum Anfang: Den größten Teil meiner Kindheit bin ich auf einem Bauernhof aufgewachsen, mit Kühen und Hühnern, mit Katzen, die nicht in meinem Puppenwagen schlafen wollten, einem Pferd, das ein bisschen zu schwierig für mich war und einem Hund, der stattdessen für mich über Hindernisse springen musste. Vielleicht ahnt ihr es schon: Ich war verträumt und verspielt und hatte immer eine genaue Vorstellung davon, was die anderen in meinem Spiel zu tun hatten. Nur leider hielten sie sich nicht daran. Die Tiere nicht, und die anderen Kinder schon gar nicht. Nur meine Spielfiguren und Kuscheltiere ließen sich bereitwillig in große Geschichten verwickeln. Nur sie sagten die Sätze, die ich sie sagen ließ und spielten die Rolle, die ich ihnen gab.

Doch dann kam der Tag, ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als ich im Wohnzimmer saß und für die Schule meine erste Geschichte schreiben sollte. Auf einmal erkannte ich, dass es etwas noch Größeres gab, womit sich die Phantasie zum Leben erwecken ließ: Ich konnte meine Geschichten mit Worten erzählen! Ich konnte mir ein fiktives Ich ausdenken, das anders war als ich, und das keine Probleme damit hatte, das schwierige Pferd zu zähmen. Ich konnte mir auch Katzen ausdenken, die sprechen konnten, und am besten von allem: Ich konnte die wildesten Abenteuer erleben, konnte das Pferd und mich in größte Lebensgefahr stürzen und dafür sorgen, dass die Katze uns am Ende um Haaresbreite rettete.

Am Ende dieses Tages erzählte ich meinen Eltern zum ersten Mal, dass ich Schriftstellerin werden würde. Ich las ihnen meine Geschichte vor und mein Vater sagte zum ersten Mal diesen Satz, seine Stimme fast ein bisschen gerührt: „Ja, du kannst wirklich schön erzählen.“ Ich denke, dafür kann ich meinen Eltern auf ewig dankbar sein: Dass sie das in mir erkannten, was ich bin, und dass sie mich so sein ließen und sich darüber freuten. Nicht alle Eltern tun das, bei weitem nicht.

Ich schrieb also weiterhin meine Geschichten und mit 14 Jahren hatte ich dann zum ersten Mal die Idee für einen Roman. Wie besessen begann ich, daran zu schreiben und war fortan fast immer mit einem kleinen Schreibheft auf meinem Schoß zu finden.

Und wisst ihr, was ich mir damals dachte?: Nächstes Jahr beendest du deinen Roman, findest einen Verlag und wirst die jüngste, berühmte Schriftstellerin aller Zeiten.

Schmunzelt ihr jetzt auch so wie ich? Ja, ja, ihr habt allen Grund. Aber damals war es mein Ernst. Ich habe wirklich daran geglaubt und manchmal frage ich mich, was ich getan hätte, wenn eine  Hellseherin auf mich zugekommen wäre und mir gesagt hätte: „Oh weh, oh jemine, mein Kind – höre nur, was erzählt mir der Wind. Ein Jahrzehnt wird vergehen und noch neun Jahre mehr, eh du hältst in der Hand, was du hoffest so sehr.“

Puh, ganz ehrlich. Ich bin froh, dass die Hellseherin mich nie gefunden hat. Ich möchte lieber nicht wissen, ob die Botschaft mich von meinem Weg abgebracht hätte.

Aber so …

Ach ja, hatte ich erwähnt, dass ich einigermaßen störrisch bin? Wenn ich mir einmal ein Ziel gesetzt habe, laufe ich unbeirrbar darauf zu, ganz egal wie weit oder wie holprig der Weg ist.

Ich wurde also älter, verwarf den Roman, den ich mit 14 begonnen hatte und schrieb einen neuen. Irgendwann war ich 19, machte mein Abitur und wusste genau, was ich von meinem Leben wollte: Ein Jahr so ganz in Ruhe an dem neuen Roman schreiben, dann einen Verlag finden und berühmt werden. Na gut, inzwischen wusste ich, dass das mit dem berühmt werden gar nicht so einfach ist – aber darauf kam es mir gar nicht an. Hauptsache, ich konnte weiterhin meine Geschichten schreiben und aus meiner Berufung wirklich einen Beruf machen.

Doch es ging mir wie vielen jungen Autoren: Ich kannte niemanden, der mir weiterhelfen konnte und musste mir das Schreiben durch Versuch und Irrtum erst mal selbst beibringen. So verging das Jahr und noch ein zweites, in denen ich viele hundert Seiten schrieb, sie anschließend verwarf und nochmal was Neues schrieb. Und unweigerlich kam die Zeit, in der ich anfangen musste, etwas Vernünftiges zu tun, etwas, das mich in meiner Richtung voran brachte, so dachte ich damals: Literaturwissenschaft. Ich fing an zu studieren, am Anfang noch in der Hoffnung, dass ich dort vielleicht Leute treffen würde, die mir weiterhelfen konnten. Aber, ganz ehrlich, wenn sie dort waren, dann habe ich sie übersehen.

Stattdessen war es bald so, dass das Studium all meine Zeit verlangte und mich immer weiter von meinem Ziel forttrieb. Das allein war schon schlimm – aber bald machte ich eine noch schlimmere Entdeckung: Ich studierte Literaturwissenschaft, und die Eigenheit jeder Wissenschaft ist es, die Dinge zu erklären, bis man die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit gefunden hat.

Doch wo ist die Wahrheit in der Literatur? Man kann sie suchen, man kann darüber nachdenken und manchmal findet man sie sogar – aber man kann eine Geschichte auch so lange analysieren und auseinandernehmen, bis sie stirbt, bis nichts mehr von dem Zauber übrig ist, den man am Anfang so gemocht hat. Und genau das geschah nun überall um mich herum: Geschichten wurden seziert und auseinandergenommen, bis sie daran starben – und immer, wenn ich jemandem erzählte, dass ich selbst schrieb, dann sah ich sie schon dastehen mit ihrem Skalpell, mit dem sie die Wahrheit inmitten meiner Phantasie suchen würden.

Am schlimmsten wurde es, wenn ich erwähnte, dass ich Fantasy schreibe. Dann holten sie neben ihrem Skalpell ein überhebliches Lächeln heraus. Du schreibst Fantasy? Unterhaltung? Wo ist denn da die Wahrheit? Wo ist denn da die Botschaft, die du deiner Nachwelt schuldest?

Nun ja. Man kann eine ganze Menge Wahrheit in einem Fantasyroman verstecken. Aber wie soll man das jemandem erklären, der die Phantasie mit einem Skalpell zerschneidet?

Nach einer Weile fand ich mein Studium nur noch schrecklich und deprimierend. Und ganz ehrlich: es ist nicht leicht, jemanden zu deprimieren, der traurige Dinge mag.

Eine Zeitlang habe ich mich noch in meinen Nebenfächern verkrochen. Vor allem Psychologie hab ich geliebt – und wenn es mein Hauptfach gewesen wäre, hätte ich vielleicht doch noch etwas zuende studiert.

Aber so …

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich störrisch bin – und zudem verfüge ich über ein inneres Alarmsystem, das immer dann anschlägt, wenn ich von meinem Weg abkomme. Beides zusammen führte dazu, dass ich ziemlich konsequent darin war, mein Studium zu schmeißen. Stattdessen bin ich ein halbes Jahr als Au-Pair nach Irland gegangen, habe danach allen erklärt, warum ich nicht mehr weiterstudiere und bin schließlich zu meinem Freund nach Berlin gezogen.

Genauer gesagt nach Kreuzberg, in einen Stadtteil, in dem deine Nachbarn Tänzer und brotlose Künstler sind – und wo an der Bushaltestelle plötzlich zwei Leute hinter dir stehen, die sich mit Feuereifer darüber unterhalten, wie wichtig ihnen die Protagonisten in dem Buch sind, das sie gerade schreiben. Hier war es also plötzlich vollkommen normal, eine unverlegte Autorin zu sein und ich war erst mal einigermaßen sicher vor klugen Ratschlägen, wie ich mein Leben vernünftiger gestalten könnte.

Denn, oh ja, so richtig vernünftig war mein Lebensweg nicht. Das gebe ich zu, das war mir auch immer klar. Ich hätte auf diesem Weg genauso gut verloren gehen können, und eine empfindlichere Seele wäre an meiner Stelle womöglich zerbrochen – oder noch schlimmer: Sie hätte sich von der Literaturwissenschaft einfangen und zerschneiden lassen, bis sich die Überreste ihrer zerstörten Phantasie zu einem Skalpell formen, das ebenso scharf und unerbittlich ist wie das der anderen.

Ich kann also froh sein, dass ich störrisch, robust und optimistisch bin und dass es in meiner Natur liegt, traurige Dinge schön zu finden. Und ich kann froh darüber sein, dass mein Freund von damals, der inzwischen mein Mann ist, mich ebenfalls so sein ließ wie ich war.

Vielleicht sollte ich jetzt dazu sagen, dass er sich in mich verliebt hat, während ich ihm die Handlung eines Dreiteilers erzählt habe. Die Handlung eines Dreiteilers erzählen? Ja genau. Und jetzt stellt euch einen jungen Mann vor, der neben einem Mädchen sitzt, das ihm die ganze Nacht lang eine Geschichte erzählt. Am Ende ist sie heiser und sie beide sind ganz aufgekratzt, als sie sich voneinander verabschieden. Es macht ihnen auch nichts aus, dass sie kaum schlafen in dieser Nacht. Der nächste Tag fühlt sich neblig an, weich und verwirrend, weil keiner von ihnen dem anderen gesagt hat, ob diese Nacht nun etwas bedeutet hat oder nicht. Doch am Abend möchte das Mädchen es wissen, denn so ist sie: ein wenig störrisch mit einem klaren Ziel vor Augen.

Manche Ziele sind näher als andere. Also fällt sie ihm um den Hals und küsst ihn. Und er küsst sie zurück.

Tja, also so war das. Er hat sich in eine Schriftstellerin verliebt – und er hat eine Schriftstellerin bekommen. Das hat er nun davon ;-)

Moment mal, er ruft aus dem Nachbarzimmer.

„Sag mal Ela (so nennen sie mich in meiner Familie)? Bist du bald fertig, oder wird das deine Autobiografie, die du da schreibst?“

Verflixt, erwischt! „Was denn? Soll ich hier etwa nur die nackten Fakten reinklatschen?“

So ein Mist: Er kommt rüber und guckt durch die Tür. „Genau! Nur die Fakten!“ Er grinst: „Geboren 1978, ein Mann, zwei Kinder, drei veröffentlichte Bücher und vier gute Manuskripte in der Schublade. Fertig.“

Ich lächle mal lieber, damit er nicht herkommt und auf meinen Bildschirm schaut. „Gute Idee, genau so werde ich’s machen.“

Puh. Er geht an der Tür vorbei und schaut, ob die Kinder gut schlafen. Ja, ja, so ist er: Den Blick möglichst immer auf das Wesentliche gerichtet.  Er hat wirklich dringend ein Mädchen gebraucht, das ihm Geschichten erzählt. Und ich hab wohl einen gebraucht, der mich notfalls in die echte Welt zurückholt.

Also, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, irgendwo zwischen Romantik und erfolglosem Autorinnendasein.

In Berlin war ich also genau richtig, und so fing ich an, mich für Stipendien und Autorenförderungen zu bewerben. Und schließlich wurde ich tatsächlich in einem Mentorenprogramm von der NGL (Neue Gesellschaft für Literatur) aufgenommen: Wir waren eine Arbeitsgruppe von jungen Autoren. Einmal im Monat trafen wir uns mit unserem Mentor, um unsere Texte zu besprechen.

Ein Jahr später musste die NGL schließen, aber unser Mentor hat noch sechs Jahre mit uns weitergearbeitet. Warum? Keine Ahnung, das haben wir uns oft gefragt. Ich denke, er mochte uns und er hat an uns geglaubt.

In jedem Fall habe ich in all dieser Zeit gelernt, welchen Wert konstruktive Kritik besitzt, wie man anderen damit weiterhelfen kann und wie man sie selbst annimmt. Ich habe nicht nur gelernt, die kleinen und großen Defizite in den Texten sofort zu erkennen, sondern auch, was man tun kann, um es besser zu machen.

Aber nicht nur deshalb war diese Gruppe so wichtig für mich – wir waren ein Haufen junger Leute, die sich auf ähnliche Weise in ihrer Phantasie verlieren konnten und die das gleiche von ihrem Leben wollten.

Schriftsteller sind oft allein: Zuhause vor ihrem Computer, in den vielen Stunden, die sie mit ihren fiktiven Figuren verbringen. Und oft sogar zwischen den eigenen Freunden, die nicht wissen, wie es ist, immer noch eine zweite Welt im Kopf herumzutragen. Kaum jemand sonst kann verstehen, dass wir uns immer zwischen zwei Welten zerreißen müssen, dass wir immer mit dem schlechten Gewissen kämpfen, weil eine der beiden Welten zu kurz kommt. Autoren, die noch niemand verlegt hat, stehen permanent unter Druck – weil sie etwas leisten wollen, was niemand von ihnen verlangt und wofür sie niemand honoriert, was aber all ihre Zeit beansprucht. Das führt dazu, dass man an allen Ecken und Enden verunsichert wird, weil man so ein unvernünftiges Leben führt.

Doch in dieser Gruppe waren wir zusammen und ließen all unsere Welten aufeinandertreffen. Wir waren die ersten, die in die Geschichten der anderen eintauchten und manchmal auch die einzigen. Wir haben uns gegenseitig Hoffnung und Verständnis gegeben und nach so etlichen gemeinsamen Abenden kannten wir auch die Sorgen und Geheimnisse der anderen.

Wir waren Freunde, und sind es zu einem guten Teil heute noch. Wahrscheinlich würde es auch die Arbeitsgruppe noch geben, wenn unser Mentor nicht gestorben wäre.

Doch so mussten wir vor ein paar Jahren allein weiterziehen – in die raue Welt, in der unsere Geschichten nur ein paar lose Blätter in einem Meer von unveröffentlichten Manuskripten waren. Ich weiß nicht, woran es lag, dass wir solange gebraucht haben, um unsere Bücher zu veröffentlichen – vielleicht daran, dass wir alles perfekt machen wollten, ehe wir auch nur die erste Bewerbung abschickten.

Aber vielleicht war es auch gar nicht so schlecht, erst mal alles perfekt zu machen. Denn wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann war meine Bilanz eigentlich ziemlich gut. Etwa die vierte oder fünfte Agentur, bei der ich mich beworben habe, hat mich und meine Bücher aufgenommen.

Und so nähere ich mich auch schon fast dem Happy-End meiner Geschichte. Um wenigstens einmal in meinem Leben etwas Vernünftiges zu tun, habe ich schließlich noch eine Weile als Lektorin in derselben Agentur gearbeitet, die auch meine Autorenrechte vertritt. Aber inzwischen habe ich alle Hände voll damit zu tun, ein bis zwei Romane pro Jahr zu schreiben. Da bleibt kaum noch Zeit für etwas anderes. Der Druck ist also immer noch da. Aber jetzt ist es ein positiver Druck, weil ich weiß, dass ich das alles nicht umsonst tue.

Also keine Sorge, ich beschwere mich nicht ;-) Schließlich habe ich mein Ziel jetzt endlich erreicht.

Ich könnte jetzt noch viel mehr schreiben, denn es gibt noch ein paar Details, die ich weggelassen habe.  Meine beiden Töchter zum Beispiel, die auch eine turbulente Rolle in meinem Leben spielen. Aber ihr ahnt schon: Damit würde ich die Geschichte wohl doppelt so lang schreiben.

Und irgendwas muss ich mir ja noch für meine echte Autobiografie aufheben ;-)

Eure Daniela